zurück zur Übersicht

16.01.2017
2834 Klicks
Posts |

Einblicke in die Alkoholiker unter den Borkenkäfern

St. Oswald. Alkohol, Inzucht und Kinderarbeit – das soll zu Insekten passen? Geht nicht, oder? Geht doch, wissen jetzt rund 100 Besucher des jüngsten Vortrags aus der wissenschaftlichen Reihe des Nationalparks Bayerischer Wald im Waldgeschichtlichen Museum St. Oswald. Dabei schilderte Dr. Peter Biedermann vom Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie in Jena das Leben von im Holz brütenden Borkenkäfern.

Dr. Peter Biedermann berichtete den Besuchern vom erstaunlichen Sozialverhalten der im Holz brütenden Borkenkäfer.
Dr. Peter Biedermann berichtete den Besuchern vom erstaunlichen Sozialverhalten der im Holz brütenden Borkenkäfer.

Die Ambrosiakäfer bauen sich – entgegen dem Buchdrucker – ihr Nest nicht in der Rinde, sondern im Holz selbst. Dort züchten sie Pilze, die ihnen als Nahrung dient. „Doch beide Seiten profitieren davon“, erklärt Biedermann. „Schließlich verbreiten die Käfer auch den Pilz.“ Als Lebensraum nutzen sie vor allem frisch umgefallene Bäume, bei deren Absterben besonders viel Alkohol freigesetzt wird.
„Denn Ambrosiakäfer sind wahre Alkoholiker – desto hochprozentiger, desto besser.“ Schließlich würden so Schimmelpilze von der Pilzzucht ferngehalten.
In Sachen Fortpflanzung setzen die Lebewesen auf Inzucht. Ein Weibchen legt rund 50 Eier im Nest ab, daraus entwickeln sich jedoch nur ein oder zwei Männchen, die sich dann ihr Leben lang mit den eigenen Schwestern paaren. „Wenn das der Mönch, der sie im 19. Jahrhundert entdeckt hat, gewusst hätte, hätte er sie sicher nicht Ambrosiakäfer, also Käfer der Götter, genannt“, so der Forscher. Dafür zeigen die kleinen Wesen erstaunliches Sozialverhalten. „Sie schützen das Nest, pflegen die Pilze und putzen sich gegenseitig“, berichtet Biedermann. Und auch Arbeitsteilung spielt eine wichtige Rolle. So seien die Larven dafür verantwortlich den Dreck aus dem Nest – Sägespänne und Kot – in kleinen Ballen zusammenzutragen. Die mit ihnen lebenden erwachsenen Tiere befördern die Mülltüten dann ins Freie.

Gut 100 Zuhörer waren zum Vortrag über Ambrosiakäfer ins Waldgeschichtliche Museum St. Oswald gekommen.
Gut 100 Zuhörer waren zum Vortrag über Ambrosiakäfer ins Waldgeschichtliche Museum St. Oswald gekommen.

Und auch für menschliche Anwendungsbereiche könnten die Käfer noch interessant werden. „Das klingt zwar absurd, aber vielleicht können wir von der tierischen Landwirtschaft noch viel lernen“, meint der Experte. „Schließlich betreiben die Tiere seit 60 bis 80 Millionen Jahren Pilz-Monokulturen.“ Demnächst wird sich Biedermann daher besonders mit möglichen Anwendungsbereichen in der Landwirtschaft beschäftigen.


- SB


Nationalparkverwaltung Bayerischer WaldGrafenau

Quellenangaben

Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald

Sie möchten Ihren Bericht regional bewerben?

Alle Informationen und Ihren Ansprechpartner finden Sie HIER.



Kommentare

Bitte registrieren Sie sich um hier Kommentare eintragen zu können!
» Jetzt kostenlos Registrieren oder haben Sie Loginprobleme?


Ähnliche Berichte

Per GPS die Natur erkundenSankt Oswald Bereits zum dreizehnten Mal haben sich engagierte Jungwissenschaftler aus den achten und neunten Jahrgangsstufen in den Nationalpark Bayerischer Wald aufgemacht. Dort wollten sie die Natur aus einer anderen Perspektive kennenlernen – von oben, per Satellit.Mehr Anzeigen 28.07.2018Hauswächter des Museums erstrahlen in neuem GlanzSankt Oswald Seit drei Jahren stehen sie vor dem Waldgeschichtlichen Museum in St. Oswald und begrüßen mit ihren freundlichen Gesichtern in den bunten Farben die Gäste. Nun wurden die Hauswächter von ihren Künstlern wieder auf Vordermann gebracht.Mehr Anzeigen 21.07.2018Totholz-Forscher begeistert vom NationalparkGrafenau Totholzorganismen und ihre Rolle für die Artenvielfalt standen im Mittelpunkt der 10. Europäischen Totholz-Käfer-Konferenz im Waldgeschichtlichen Museum in St. Oswald. An die 80 Forscher aus über 20 europäischen Ländern kamen für drei Tage in den Nationalpark Bayerischer Wald, um hier über ihre Forschung zu berichten und sich auszutauschen.Mehr Anzeigen 22.06.2018Museum blickt schon auf 2018Sankt Oswald Die Planungsphase für das anstehende Jahr läuft im Waldgeschichtlichen Museum St. Oswald heuer erstmals bei laufendem Betrieb. Einschränkungen gibt’s deswegen aber nicht.Mehr Anzeigen 17.12.2017Waldgeschichtliches Museum durchgängig geöffnetSankt Oswald Die vorweihnachtliche Museumslandschaft der Region wird ein Stück lebendiger. Schließlich bleibt das Waldgeschichtliche Museum St. Oswald erstmals durchgängig geöffnet.Mehr Anzeigen 09.11.2017Diamantene GlaskunstGrafenau Mit diesem Zulauf hatte selbst der Künstler nicht gerechnet. Rund 200 Kulturfreunde kamen am Freitagabend ins Waldgeschichtliche Museum St. Oswald, um die neue Wechselausstellung „Glas 70 – Klaus Büchler“ feierlich zu eröffnen.Mehr Anzeigen 23.01.2017