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17.03.2021
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Es geht an die Substanz

Niemand will die Appelle an Vernunft, soziale Distanz und AHA-Regeln noch gerne hören. Aber jeder weiß, es wird sich solange nichts an den gebotenen „C“-Maßnahmen ändern, bis die nötige Herden-Immunität erreicht ist: das gilt auch bei uns in der Region. „Die Mitarbeiter der Caritas Beratungsstelle für psychische Gesundheit nehmen eine spürbare Frustration bei den Hilfesuchenden wahr“, urteilt Steffen Schulz (Leitung der Fachstelle). „Gerade Menschen mit Depressionen aber auch Ratsuchende, die eigentlich sehr kontaktfreudig sind, leiden besonders unter den Abstrichen im sozialen Miteinander. Eltern mit Kindergarten- oder mit Schulkindern werden noch mehr gefordert als sonst. Und es kommt häufig zur seelischen Überlastung. Die finanziellen Einschnitte und zunehmende Existenzängste sind jetzt häufiger Thema in unserer Beratung.“

Was waren für Sie persönlich die wohl schwierigsten Corona bedingten Entscheidungen in ihrer Arbeit?

Das war ganz klar die Einstellung unserer Gruppenangebote, wie die Bewegungs- und die Gesprächsgruppen. Mein Team und ich bedauern die Streichung sehr. Für viele unserer Klienten sind diese Angebote oft der einzig nennenswerte Kontakt zu anderen Menschen. Ebenso mussten die Hausbesuche, besonders bei älteren psychisch angeschlagenen Menschen, eingestellt werden. Telefonischer Kontakt ist da nur bedingt ein Ersatz für persönliche Begegnungen.

Steffen Schulz begleitet Hilfesuchende bei seelischen Schwierigkeiten seit 25 Jahren. Er leitet die Caritas „Beratungsstelle für psychische Gesundheit“ in Freyung.Steffen Schulz begleitet Hilfesuchende bei seelischen Schwierigkeiten seit 25 Jahren. Er leitet die Caritas „Beratungsstelle für psychische Gesundheit“ in Freyung.


„Psychische Gesundheit“, was ist darunter zu verstehen?

Carl Rogers, der Begründer der Klientenzentrierten Gesprächsführung, hat den Begriff ‚voll funktionierende Persönlichkeit‘ eingeführt: Er verstand darunter z.B. die Offenheit für neue Erfahrungen, das Vertrauen in uns selbst als Person, das Leben im Hier und Jetzt, uns unseres freien Willens bewusst sein und Kreativität für unser eigenes Leben entfalten.

Warnzeichen, dass die Gesundheit unserer Psyche gefährdet ist oder schon eine Störung von Krankheitswert gegeben ist, gibt es viele. Deutliche Hinweise sind z.B. Zwei Stunden täglich mit Zwangshandlungen zu verbringen, mindestens zwei Wochen lang in einem starken seelischen Tief zu sein und dabei nicht arbeitsfähig zu sein, mehrmals in wenigen Wochen starke Angst oder Panik zu empfinden, z.B. mit Herzrasen, Schwitzen, Schlaflosigkeit. Bei Unsicherheit über die eigene psychische Gesundheit empfiehlt es sich, lieber einmal früher als zu spät Fachleute zu kontaktieren. Unserer Beratungen bei der Caritas sind zu 100 % vertraulich und kostenlos.

Der Lockdown und die damit verbundenen Restriktionen gehen an die Substanz. Was raten Sie? Wie kann die Wartezeit erträglich gestaltet werden?

An positive Aktivitäten denken, z.B. was habe ich schon früher gerne gemacht und könnte ich jetzt wieder beginnen. Kontakte, soweit es die Einschränkungen zulassen, so gut wie möglich halten. Sich in der Natur aufhalten. Sich nicht zu viel mit negativen Nachrichten beschäftigen. Zudem ist es normal, dass wegen der geringeren Sonneneinstrahlung in Herbst und Winter der Lebensschwung etwas geringer ist.


Herr Schulz, wir bedanken uns für das Gespräch.


- SB


Kreis-Caritasverband Freyung-Grafenau e.V.Firmenpartner-BronzeFirmenpartner BronzeFreyung

Quellenangaben

Kreis-Caritasverband Freyung-Grafenau
Interview: Claudia Maria Grimsmann
Foto: Richter

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