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06.08.2015
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SommerSpezial (3): Der Wald und seine Menschen

Auf seiner Sommertour begibt sich Stephen Hahn auf Spurensuche in den Bayerischen Wald, um Menschen zu begegnen, mit ihnen zu wandern und über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Wald zu sprechen. In einem mehrteiligen SommerSpezial berichtet er exklusiv auf WAIDLER.COM über den Wald und seine Menschen, die Menschen und ihren Wald. Dabei trifft er Menschen, die aus den unterschiedlichsten Motiven in ihrem Leben mit dem Wald verbunden sind: ökonomisch, kulturell-künstlerisch, ideologisch motiviert oder einfach qua Geburt.

 

Der Nationalpark Bayerischer Wald erstreckt sich auf einer Fläche von über 24.000 Hektar. Hier leben etwa 14.000 verschiedene und damit 22 % aller in Deutschland bekannten Arten. Der Nationalpark Bayerischer Wald wurde bereits 1970 eröffnet und ist Deutschlands erster und ältester Nationalpark. Die wichtigsten Aufgaben des Nationalparks bestehen im Naturschutz durch Prozessschutz (Motto: „Natur Natur sein lassen“), Forschung, Bildung und Erholung.

                                                               


Teil 3: Nationalpark-Rangerin Sandra de Graaf und ihr Wald

 

Mit Nationalpark-Rangerin Sandra de Graaf treffe ich mich am Parkplatz an der Sagwassersäge. Von hier aus machen wir uns auf zu einer etwa drei Kilometer langen Wanderung entlang des Seebachs hinauf zum Ochsenriegel (834 m). Und damit auf zu einer Tour in die unberührte Natur, in die Waldwildnis, die es auch hier am Rande des Kerngebiets des Nationalparks zu bestaunen gibt. Das Zeichen des Flusskrebses wird uns den Weg weisen.

 

 

So kennen wohl viele ihren Bayerischen Wald – abgestorbene Bäume. Und viele verbinden dies mit negativen Bildern und zerstörter Natur. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Das Totholz ist voller Leben! Die Stämme der abgestorbenen Buchen liefern den Zunderschwämmen und vielen anderen Arten ausreichend Energie und Schutzraum.

 

Im Bergmischwald gibt es ausreichend Platz für Sämlinge, hier können sie sich gut setzen und in Ruhe heranwachsen, das viele Laub bietet zusätzlichen Schutz. Im Gegensatz zum subalpinen Fichtenwald: Hier ist der Boden voller Vegetation wie etwa Farn. Hier braucht es schon einen Windwurf oder den Borkenkäfer, um dem jungen Wald eine Chance zu geben.

 

 

Rangerin Sandra de Graaf kennt selbstverständlich den Fachbegriff:  Rannenverjüngung. Auf einer – scheinbar - toten Fichte hat es sich der Nachwuchs bequem gemacht. Als Sämlinge profitieren sie von der Mutter und ihrer Rinde als Keimbett. Der Mutterbaum liefert ihnen genügend Nährstoffe, später werden sie sich um die Mutter herum im Boden verwurzeln.

 

 

Es ist ein Paradoxon oder einfach nur das Wunder der Natur: Der Borkenkäfer sorgt für Totholz, das seinerseits jungen Pflanzen, Insekten, Vögeln neuen Lebens- und Schutzraum bietet. Zunächst befällt der Borkenkäfer nur liegendes Holz, später den stehenden Altbestand. Die befallenen Bäume reagieren, wie bei jeder anderen Verletzung auch, mit zunehmendem Harzfluss. Wenn ihn jedoch zu viele Käfer befallen haben, kommt er mit der Verkittung seiner Wunden nicht mehr nach – sein Schicksal ist besiegelt.

 

Rangerin Sandra de Graaf an der Schutzhütte Ochsenriegel. Hier ist der Kreuzungspunkt des Hauptwanderweges ‚Baumgruppe‘. In die eine Richtung geht es weiter zum Siebensteinkopf, in die andere kommt man zum Tier-Freigelände
Wir haben nun bald den Gipfel des Ochsenriegels erreicht.

 

 Auf dem Weg zum Ochsenriegel hat man einen wunderbaren Blick auf den Lusen.

 

 

Ein Spechtbaum. Sieben Spechtarten ernähren sich im Bayerischen Wald von Larven und Käfern. Aber auch andere Höhlenbrüter wie beispielsweise der Habichtskauz oder der Sperlingskauz profitieren vom Schutzraum des  Nationalparks. Im Hintergrund sieht man einen sogenannten Hänger. Ein Baum, der nicht umfallen darf oder will, hält sich in der Krone eines anderen fest. Und der Hänger knarzt wie eine schlecht geölte Haustür im Wind. Oder meckert da nicht doch eine Bergziege? Nein, die gibt es hier nicht.

 

 Waldwildnis pur beim Blick hinab vom Gipfel des Ochsenriegels (843 m).

 

Eine hölzerne Stimmgabel beim Abstieg vom Ochsenriegel.

 

Hirschholunder.

 

Rotrandiger Fichtenporling. An vielen abgestorbenen Fichten sieht man ihn, den Zunderschwamm an Buchen. Das Totholz ist voller Leben, es herrscht eine unglaubliche Artenvielfalt. Pilze, Insekten, Käfer, Vögel, Jungbäume …

 

Die Fichte ist ein Flachwurzler. Diese hat einen Stein als Freund gefunden, ihre Wurzeln haben ihn umarmt. Irgendwann ist sie dann umgekippt und hat ihren besten Freund nicht mehr losgelassen.

 

 

 

Sandra de Graaf arbeitet seit 20 Jahren bei der Nationalparkverwaltung, die meiste Zeit davon als Rangerin. Insgesamt gibt es 25 im Gebiet des Nationalparkes.Sie sind Ansprechpartner für Besucher und Wanderer, kontrollieren die Wanderwege, unterstützen die Abteilungen Dokumentation und Forschung und bilden junge Menschen zu Junior-Rangern.


- sh



Quellenangaben

Fotos: Stephen Hahn



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