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11.07.2015
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SommerSpezial: Der Wald und seine Menschen

Auf seiner Sommertour begibt sich Stephen Hahn auf Spurensuche in den Bayerischen Wald, um Menschen zu begegnen, mit ihnen zu wandern und über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Wald zu sprechen.
In einem mehrteiligen SommerSpezial berichtet er exklusiv auf WAIDLER.COM über den Wald und seine Menschen, die Menschen und ihren Wald. Dabei trifft er Menschen, die aus den unterschiedlichsten Motiven in ihrem Leben mit dem Wald verbunden sind: ökonomisch, kulturell-künstlerisch, ideologisch motiviert oder einfach qua Geburt.
Das SommerSpezial nimmt seinen Ausgang im Waldgeschichtlichen Museum in St. Oswald. Hier erhält man in der Dauerausstellung einen guten Einblick in den Wald, seine Nutzung, seine Menschen, Kunst und Kultur, Tradition und Bräuche, Lebensläufe und Unternehmertum.

Teil 1: Der Wald und seine Menschen - Beobachtungen im Waldgeschichtlichen Museum St. Oswald

Der Wald, der Bayerische Wald ist seit vielen Jahrzehnten ein Multifunktionsträger im Lebenszyklus unserer Heimat. Die Menschen nutzen u. a. den Rohstoff Holz, sie schützen den Wald und sie erholen sich im Wald. Gerade die naturnahe und nachhaltige Waldwirtschaft nimmt heute eine tragende Säule im Ökosystem Wald ein. Bereits 1753 formulierte Hans Carl von Carlowitz das Prinzip der Nachhaltigkeit. Im Grundsatz besagt es, dass wir den Waldboden schonen und nicht mehr nutzen sollten als wieder nachwächst. Das Ziel einer naturnahen und nachhaltigen Waldwirtschaft ist deshalb, stabile, ungleichartige und gemischte Baumarten aufzubauen und zu pflegen.


Ein kurzer historischer Abriss zeigt, dass der Holzverbrauch ab dem 18.
Jahrhundert enorm zunahm, es zu einer intensiveren Nutzung der Wälder kam.
Begründet war dies in der steigenden Nachfrage nach dem Rohstoff durch
Glashütten, Köhler, durch Salinen und den Bergbau sowie größer gewordene
Städte. Als Folge gründeten die Fürstbischöfe Holzhauerdörfer in ihren
Grenzwäldern, wie etwa Finsterau. Die Bäche wurden ausgebaut für die Holzdrift.
Mitte des 20. Jahrhunderts waren bei der Bayerischen Staatsforstverwaltung
55.000 Waldarbeiter beschäftigt, die mit Axt und Säge ihren Dienst versahen.
Die moderne Holzernte hat dies drastisch verändert. Heute haben Vollerntemaschine (Harvester) und Rückezug (Forwarder) Holzhauer, Motorsäge und Rückepferd abgelöst. 1.600 Forstwirte bewirtschaften heute die Staatsforsten.
Die grüne Fabrik Wald produziert nachhaltig den Rohstoff Holz. Gleichzeitig
schützt der Wald Boden, Wasser, Klima und dient als Erholungsraum. Der Rohstoff
Holz ist ein regionales Produkt, mit dem sich auch die einheimische Bevölkerung
identifizieren kann. Er produziert bei der Be- und Verarbeitung keinen Abfall. Die Forst- und Holzwirtschaft ist in Bayern ein starker Wirtschaftsfaktor: Mit ca. 190.000 Mitarbeitern werden Umsätze von etwa 35 Mrd. Euro pro Jahr realisiert.

 

Über 1.000 Jahre lang wurde der Bayerische Wald von den Menschen genutzt, verändert und geprägt. Der Nationalpark Bayerischer Wald hat mit dieser Tradition der konventionellen Waldnutzung gebrochen und ein Stück Waldlandschaft getreu dem Motto 'Natur Natur sein lassen' sich selbst überlassen. Der Nationalpark, seine Verwaltung und deren Mitarbeiter sind der Motor für Naturschutz, Umweltbildung, Information, Kultur, Forschung, Regionalentwicklung sowie Tourismus und Erholung.

 

Interview mit Christian Binder, Leiter des Besucherzentrums Hans-Eisenmann-Haus im Nationalpark Bayerischer Wald:

Herr Binder, Sie waren als damaliger Leiter maßgeblich an der Neukonzeption des
Waldgeschichtlichen Museum im Jahr 2008 beteiligt. Was ist die Grundidee?
Wir wollten vor allem ein Museum gestalten, das für Kinder, Jugendliche, Schulklassen interessant und besuchenswert ist. Deshalb haben wir bei der
Konzeption auch junge Menschen aktiv in den Prozess eingebunden. Die Kinder
kamen zu uns, zeichneten und schrieben ihre Ideen auf. So stammt beispielsweise
die Idee zu unserem Treppenbaum von einem Viertklässler. Der Fokus des Museums, unserer Dauerausstellung liegt auf dem Thema Wald, seine Entstehung und Geschichte, auf der Nutzung und auf der Beziehung zwischen Wald und Kultur.

 

Inwieweit behandelt die Ausstellung das Thema Forstwirtschaft?
Die wirtschaftliche Nutzung des Waldes besitzt natürlich einen hohen Stellenwert für die Region, für ihre Menschen. Erst der Nationalpark bzw. seine Verwaltung hat auf gewissen Flächen mit dieser Tradition gebrochen, getreu dem Motto 'Natur Natur sein lassen'. Ein weiterer Fokus liegt auf dem Prinzip der Nachhaltigkeit: Man nimmt nur das aus dem Wald, was natürlich nachwächst. Das zeigen wir etwa in einem kleinen einfachen Modell. Auch Harvester können nachhaltig und gewinnbringend eingesetzt werden. Und die Nachhaltigkeit bezieht sich natürlich auch auf die Jagd.

Sie sprachen den Nationalpark bereits an, für einige Einheimische immer noch
ein Streitthema.
Ich denke, bei der Mehrheit der Bevölkerung ist er heute sehr anerkannt und
wertgeschätzt. Mitte der 1990er Jahre war das sicher noch anders. Heute ist er
angekommen. Vor einiger Zeit saß ich mal privat bei einem Bier in der Wirtschaft im Freilichtmuseum Finsterau. Da sagte ein älterer Mann, Richtung Lusen blickend, plötzlich zu mir: "Schau afi, hams doch recht ghobt de Parkler, wead ois wida grea." Der Nationalpark ist übertragen ja auch eine Art der Nutzung des Waldes. Er steht getreu seinem Motto „Natur Natur sein lassen“ für Prozessschutz. Und der Nationalpark mit seinen Mitarbeitern sorgt für Forschung, Bildung, Information und Erholung rund um das Thema Wald. Das gab und gibt einen Aufschwung für eine strukturschwache Region. Erst mit der Eröffnung des Nationalparks 1970 kann man von einer signifikanten positiven Entwicklung des Tourismus in der Region reden. Der Nationalpark ist also auch ein enormer Wirtschaftsfaktor und beschäftigt etwa 200 MitarbeiterInnen.

Der Wald hat seine Bewohner auch immer zu künstlerischer Kreativität inspiriert.
Ja, für mich persönlich drückt sich diese Verbindung zwischen Natur und Kultur
am besten in dem Kunstobjekt Luchs von Heinz Theuerjahr aus, das vor dem
Hans-Eisenmann-Haus steht. Wald und Kultur gehören einfach zusammen. Deshalb organisieren wir auch viele Veranstaltungen mit Künstlern, die sich mit dem Thema Wald kreativ auseinandersetzen. Viele werden auch von dem 'neuen
Wald' inspiriert, vom Totholz, von nachwachsenden Pflanzen und Bäumen. Das hat
eine ganz eigene Ästhetik, es entsteht ein neues Waldbild. Das hat, wenn man
will, auch eine philosophische und religiöse Komponente. Warum stören sich
viele Menschen am Totholz? Weil viele auch den Tod aus ihrem Leben verdrängen.
Dabei zeigt das Totholz in seiner nächsten Umgebung, dass durch Tod Neues
entehen kann. Für viele wirkt da Wandern wie Meditation, als Weg zu sich selbst. Auch der Kunstfotograf Bastian Kalous, der bald im Eisenmann-Haus ausstellen wird, lässt sich bei seinen Wanderungen durch den Wald von der Natur, der Landschaft, den Augenblicken inspirieren.

Die Ausstellung widmet sich auch dem Thema Technologiestandort Wald, warum?
Weil wir mit alten Klischees, Stereotypen brechen wollen. Der Wald und seine
Menschen, das ist so viel mehr als Holz, Glas, Granit. Der Wald ist Ausgangspunkt für international ausgerichtete Unternehmen wie beispielsweise Aptar, SLE, AMF. Wir haben den Technologiecampus in Freyung, das TAZ in Spiegelau. Analog zum Totholz im Wald, kann sich im menschlichen Leben auf dem sicheren Boden der Heimat sowie ihrer Traditionen und Bräuche oft auch Neues und Fortschritt entwickeln.

Zum Abschluss, Herr Binder: Wie ist Ihr persönlicher Bezug zum Wald?
Ich bin gebürtiger Freyunger, meine Eltern leben hier, meine Großeltern kamen
nach dem Krieg als Vetriebene aus Böhmen in die Region. Eine persönliche
Verbindung zum Wald habe ich erst während meines Studiums der Volkskunde,
während eines Praktikums 1993 im Waldgeschichtlichen Museum beim Leiter
Wolfgang Bäuml aufgebaut. Bäuml, der begeistere (Wahl-)Waidler, hat mir die
Augen geöffnet, meine Faszination für den Wald und seine Kultur entfacht. Und
die durfte und darf ich in verschiedenen Funktionen im Landratsamt Freyung-Grafenau, u. a. im Tourismus, als Leiter des Museums hier und aktuell
als Leiter des Hans-Eisenmann-Haus ausleben.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Hinsichtlich der Besiedelung des Bayerischen Waldes, die in mehreren Etappen verlaufen ist, will ich noch einmal die Historie bemühen. Begonnen hat sie im 8. und 9. Jahrhundert aufgrund günstiger klimatischer Verhältnisse sowie einer Stabilisierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Unteren Bayerischen Wald. Der Adel etablierte sich, die Städte wuchsen aufgrund einer Zunahme des Handels. Entlang der Handelswege wurden die Mittelgebirge urbar gemacht. Im 13. und 14. Jahrhundert kam es zu einer Siedlungswelle in den
Mittelgebirgen. Das Klima begünstigte den Bevölkerungszuwachs. Auf Betreiben der Landesherren kam es im 17. und 18. Jahrhundert zur endgültigen Erschließung und Besiedelung des Grenzwaldes. Verstärkt nutzte man den Wald und seinen Rohstoff Holz für die Glashütten und den Handel.


Bis Mitte des 19. Jahrhunderts verlief das Leben der Menschen im Wald
weitestgehend in den von der Obrigkeit vorgegebenen Bahnen. Von einer freien
Partner- und Berufswahl konnte man seinerzeit nur träumen. Erst ab dem 20.
Jahrhundert ergaben sich neue Möglichkeiten, die Strukturen lockerten sich, die
Menschen führten ein freieres Leben.

 

Typisch für den Wald sind, wie erwähnt, dessen wirtschaftliche Nutzung das
wechselnde Reizklima und seit 1970 der Nationalpark. Aber der Wald, die Natur
inspirierte auch immer die Menschen, die dort lebten, auf eine künstlerisch-kreative Art und Weise. Das Holzhandwerk, die Glasmacherei, die Steinbildhauerei und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts auch das Weberhandwerk sind untrennbar mit dem Bayerischen Wald verbunden. Wald und Kultur gehören zusammen, sie ergänzen sich gegenseitig. Die Menschen sind stolz darauf, Traditionen und Werte zu bewahren. Das zeigt sich noch heute in lebendigen Bräuchen wie etwa dem Wasservogelsingen, dem Ratschen oder dem Wolfauslassen.

 

Viele Jahrhunderte war der Wald als Rohstofflieferant die tragende Säule der
einheimischen Writschaft. Berufe wie Holzhauer, Waldbauer, Holzhändler aber
auch Köhler, Pottaschebrenner, Sägewerker, Zimmerer oder Wagner liefern
eindrucksvolle Beweise davon. Mittlerweile ist der Bayerische Wald jedoch aus
einer lange anhaltenden geographischen und politischen Grenzlage ins Zentrum
Europas gerückt. Ein wertvolles und von den Bewohnern geschätztes Zusammenspiel von hoher Lebensqualität (Natur, Landschaft, Wohnen, Bildungsinfrastruktur, Kultur, Traditon, Freizeitangebote, Sport) und ökonomisch-technischer Kompetenz auf Seiten der Unternehmen - nicht zuletzt auch durch die vielen gut ausgebildeten und loyalen Fachkräfte - hat den Wald zu einem Technologiestandort gemacht. Viele einheimische Unternehmen wissen das zu
nutzen, um - aus der Sicherheit und Vertrautheit, dem Verwurzeltsein in der
Region, dem Wissen, wo man herkommt und hingehört - vom Bayerischen Wald aus in die ganze Welt innovative Produkte und Dienstleistungen von höchstem
internationalen Niveau zu liefern. Auch die zunehmede Zahl an Forschungs-einrichtungen, an wissenschaftlichen Technologiecampi zeugen davon. Und der Rohstoff Holz ist als nachwachsender Rohstoff angesehener und wertvoller denn je, beispielsweise im Bereich moderner Technologien für die Energiegewinnung.

 


- sh



Quellenangaben

Fotos: Stephen Hahn (mit freundlicher Genehmigung der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald)



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