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24.07.2015
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SommerSpezial (2): Der Wald und seine Menschen

Auf seiner Sommertour begibt sich Stephen Hahn auf Spurensuche in den Bayerischen Wald, um Menschen zu begegnen, mit ihnen zu wandern und über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Wald zu sprechen. In einem mehrteiligen SommerSpezial berichtet er exklusiv auf WAIDLER.COM über den Wald und seine Menschen, die Menschen und ihren Wald. Dabei trifft er Menschen, die aus den unterschiedlichsten Motiven in ihrem Leben mit dem Wald verbunden sind: ökonomisch, kulturell-künstlerisch, ideologisch motiviert oder einfach qua Geburt.

Der Bayerische Wald ist zum größten Teil, zu etwa 80 Prozent, ein Bergmischwald. Die darin vorherrschenden Baumarten sind Fichte, Buche, Tanne, Bergahorn, Spitzahorn und Eibe. In den tieferen Lagen, in den von Kaltluft beeinflussten Senken finden wir einen Aufichtenwald vor mit Fichten und Moorbirken. Ab einer Höhe von etwa 1.100 Metern wachsen
hauptsächlich Fichte, Bergahorn und Vogelbeere im sogenannten subalpinen Fichtenwald.

 

Teil 2: Der Förster und sein Wald

Laut Kalender ist es ein Sommertag. Gefühlt ist es ein Herbsttag. Ein verregneter und nebeliger Tag. Aber eben auch ein Tag, der den Bayerischen Wald in all seinen Facetten widerspiegelt. Ich treffe mich bei einer Außentemperatur von 14 Grad mit Michael Held in Herzogsreut. Der Hund des Försters, ein deutscher Wachtel, fühlt sich sichtlich wohl im Kofferraum des Autos. Ob er noch Lust hat auf einen Außentermin? Bis Ende Juni war Michael Held Leiter des Forstbetriebes Neureichenau der Bayerischen Staatsforsten. Der Forstbetrieb Neureichenau verwaltet eine Fläche Wald von 19.000 Hektar. Im Bayerischen Wald umfasst das Gebiet 11.000 Hektar und reicht von der Grenze zum Nationalpark in Finsterau hinunter nach Süden über den Bergkamm bis ins Dreiländereck, im Norden bis zum Nationalpark Böhmerwald. Der Treffpunkt in Herzogsreut kommt nicht von ungefähr. Denn hier entlang des ehemaligen Handelsweges Goldener Steig lässt sich eindrucksvoll nachvollziehen, wie der Wald die Menschen prägte und umgekehrt. "Der Wald ist ein Spiegel der Geschichte der Menschheit", so der Förster im Ruhestand. Zuerst hat der Mensch dem Wald den Lebensraum abgerungen. Doch das Leben im Wald war hart und karg. Mit Einsetzen des wirtschaftlichen Aufschwunges haben viele den Wald verlassen, sie wollten an steigendem Wohlstand teilhaben und siedelten aus. Dies zeigt sich nicht zuletzt an verlassen Orten wie Schwendreut und Leopoldsreut entlang des Goldenen Steiges. Für den Naturraum Wald ein Glücksfall, denn an vielen Stellen wurde großflächig aufgeforstet.

 

 Michael Held mit seinem Wachtel Fritzi an der Herzogsreuter Klause

 

Das Bild vom grünberockten, mit Flinte und Hund ausgestatteten Förster trifft schon lange nicht mehr zu. 30 Jahre war Michael Held im Bayerischen Wald beruflich tätig, bei den Bayerischen Staatsforsten und zwischenzeitlich auch bei der Nationalparkverwaltung. "Heute muss ein Förster vor allem Manager und Moderator sein", berichtet Michael Held. Manager, weil allein der Forstbetrieb Neureichenau einen Umsatz von etwa 12 Millionen Euro im Jahr erwirtschaftet, 95 % davon mit dem Rohstoff Holz, das entspricht einer Menge von 150.000 Kubikmetern. Moderator, weil er die unterschiedlichen Interessengruppen aus Wirtschaft, Tourismus, Erholung und Naturschutz geschickt auszugleichen vermögen muss, die oftmals schon innerhalb einer Gruppe divergierende Ziele verfolgen. Man denke nur im Bereich des Erholungsraumes Wald an die selten gleiche Interessen- und Nutzungslage von Wanderern, Radlern und Reitern.

Waldarbeiter sind für eine naturnahe Bewirtschaftung von Wäldern unersetzlich.

 

Der Bayerische Wald zeichnet sich durch ein starkes Nebeneinander von Wirtschaftswald und Nationalpark aus. Die zunehmende Urbanisierung führte gleichzeitig auch zu einer immer größeren Sehnsucht nach Erholung und Natur, bei vielen auch nach unberührter Natur, nach Wildnis. Das Ziel einer erfolgreichen und nachhaltigen Wirtschaftswaldverwaltung ist die sinnvolle Kombination einer effizienten Nutzung des Rohstoffes Holz mit dem Schutz des Natur- und Kulturraumes Wald sowie dem Erholungsraum Wald. Der Wald ist und bleibt die naturnäheste Bewirtschaftungsform. Er besticht durch seine hohe Artenvielfalt. Die ästhetische Waldbildung ist Grundlage für den Erholungsanspruch der Menschen. Es hat sich eine nachhaltige und multifunktionale Bewirtschaftung durchgesetzt, die sich an natürlichen Abläufen orientiert: kleinflächig, Totholz und Biotop-Bäume belassen.

 

Kapelle des verlassenen Dorfes Schwendreut

 

Etwa bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hatte der Wald, der Rohstoff Holz vor allem seine Bedeutung als Brennmaterial und als Baustoff für die Menschen im Bayerischen Wald. Mit dem rasanten Aufstieg der fossilen Brennstoffe als billige und bequeme Energiequelle ging die Nachfrage nach Brennholz zurück. Holz wurde dann immer mehr mit Armut assoziiert, die traditionelle Holzbauweise ging zurück. Und heute ist Holz zurück! Der Rohstoff Holz boomt, ob als nachwachsender Rohstoff in der Energiegewinnung oder auch als Werkstoff für die Bau- und Möbelbranche. Natur ist in.
Bis Anfang der 2000er Jahre war Holz kaum noch etwas wert. Doch mit der
steigenden Nachfrage erhöhte sich auch wieder der Wert des Rohstoffes für die
Energiewirtschaft, die Bau- und Möbelbranche, für Zimmereien, für die Architektur (nicht nur im Hausbau oder Innenausbau, man denke nur an das
Baumei im Nationalpark). Und das Holz aus dem Bayerischen Wald steht für
Innovation. So liefert der Forstbetrieb Neureichenau schwaches Buchenholz -
Bäume mit einem Durchmesser von 30 bis 35 cm - an ein Unternehmen am Attersee. Dieses stellt aus dem Rohstoff Holz eine Naturfaser her, die sich hervorragend für Funktionswäsche eignet. Vielleicht tragen wir also bald Kleidung mit der Inschrift Made aus Holz vom Bayerwoid. Der Bayerische Wald ist die Holzregion Nr. 1 in Europa. Hier gibt es die größten Holzvorräte pro Hektar, nämlich 430 Kubikmeter. Gewaltig, wenn man es mit den Vorräten im Rest von Deutschland pro Hektar, 320 Kubikmeter, und der Schweiz, 336 Kubikmeter, vergleicht. Nur knapp 60 % der Waldfläche werden übrigens wirtschaftlich genutzt. Im Bayerischen Wald findet sich eine optimale Wertschöpfungskette mit zahlreichen kleinen, mittleren und großen Sägewerken sowie mit innovativen Weiterverarbeitungs-betrieben wie Schreinereien und Zimmereien.

 

Die Hammerklause bei Finsterau ist ein attraktiver Erholungspunkt und dient zudem als Nahrungsteich für den Fischschotter.

 

Der Wald ist selbst der größte Umweltschützer, da ein exzellenter CO2-Speicher. Im Bayerischen Wald werden pro Minute 8 Tonnen (!) CO2 gebunden. Und die Bayerischen Staatsforsten fördern zahlreiche naturschonende Formen der Erholung, wie etwa Wandern, Radfahren oder Reiten. Der Forstbetrieb Neureichenau ist sich ferner auch seiner kulturgeschichtlichen Verantwortung bewusst. Im Bayerischen Wald ist ein Kulturlandschaftsmuseum entstanden, das auf zahlreichen Schautafeln zur Geschichte der Holztrift, der Triftklausen und -kanäle sowie der Glashütten informiert. Und einige alte Klausen und Kanäle wurden in diesem Zusammenhang auch wieder hergerichtet, wie etwa der Osterbachkanal bei Duschlberg oder die Hammerklause bei Finsterau.

Vor allem Kinder nutzen die "Waldwunderwelten"

 


- sh



Quellenangaben

Fotos: Stephen Hahn, Forstbetrieb Neureichenau

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