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08.12.2016
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Heimat-Verein: Freunde des Hinterglasbildes Raimundsreut

Taferlverein werden die Freunde und Förderer des Raimundsreuters Hinterglasbildes von den Einheimischen genannt. Weil die Bilder auf Glastaferln gemalt sind. Seit 1999 sorgen die Freunde dafür, dass dieser Kulturschatz im Herzen des Bayerischen Waldes nicht nur in Erinnerung, sondern auch erlebbar und sichtbar bleibt. Die Vorsitzende des Vereins, Josefine Nußhart, spricht mit WAIDLER.COM über ein ganz spezielles Handwerk in unserer Heimat.

 

Frau Nußhart, geben Sie uns bitte eine Einführung in den historischen Kontext der Hinterglasmalerei in Raimundsreut.

Die Hinterglasmalerei ist natürlich sehr stark verbunden mit den Glashütten in Schönbrunn und Neuhütte. Hier wurde Tafelglas für Fenster hergestellt. Die Glashütte in Schönbrunn existierte bis 1876, die in Neuhütte bis 1790. Anfang des 18. Jahrhunderts, im Jahr 1737, wird Johann Georg Neumayer als erster Hinterglasmaler in der Gegend genannt. Er war der Sohn des Malers Laurenz Neumayer aus Vierhäuser. Die Hinterglasmalerei hatte zunächst ganz pragmatische, ökonomische Gründe. Der nahegelegene Wallfahrtsort Kreuzberg zog viele Pilger an. Und diese kauften gerne und zahlreich Andenken. Die Hinterglasbilder mit religiösen Motiven waren sehr begehrt. Die Kunst, das Handwerk der Hinterglasmalerei wurden in der Familie Neumayer über Generationen weitergegeben. Schließlich war es Tobias Peterhansl, der im Winter 1758/59 mit seiner Familie nach Raimundsreut übersiedelte und die Hinterglasmalerei hier begründete. Es folgten über 100 erfolgreiche Jahre des Hinterglasbildes. Die Bilder wurden durch Kraxenträger bis ins Allgäu sowie ins benachbarte Ausland vertrieben. Die Volksfrömmigkeit trug stark zum Erfolg der Bilder bei. Man hängte sie sich in den Herrgottswinkel. Bekannt ist vor allem das Motiv Gnadenstuhl mit den Schutzheiligen.

Gnadenstuhl mit Heiligen

 

Ganz allgemein gesagt dienten zunächst Kupferstiche aus Gebetsbüchern als Vorlage, später entwickelten die Maler auch zunehmend eigene Motive. Es ist überliefert, dass 1830 etwa 30 bis 40.000 Bilder von der Familie Peterhansl pro Jahr hergestellt wurden. Das geschah in Arbeitsteilung. Filigrane Zeichnungen oder Teile davon wurden vom Künstler persönlich ausgeführt, weniger anspruchsvolle Malvorgänge von anderen Mitgliedern der Familie. Im Jahr 1875 gab die Familie Peterhansl die Konzession zurück, die Technik des Kunstdrucks stellte einen neuen Standard auf.

 

Josefine Nußhart mit den kulturgeschichtlichen Kostbarkeiten im Ausstellungsraum

 

Die Technik des Hinterglasmalens ist sehr speziell, es bedurfte ausgeprägter handwerklicher Fertigkeiten.

Zunächst bedarf es einer Vorzeichnung, den sogenannten Riss. Das geschah damals zumeist auf geschöpftem Papier. Der Riss wird seitenverkehrt aufgetragen und dient als Vorlage, die dann auf die Rückseite des Glases übertragen wird. Geblasenes Glas ist wellig, es hat Schlieren und dient als Farbträger. Dadurch erwacht das Bild zum Leben.

 

Als Riss bezeichnet man eine auf Papier gemalte Vorlage

 

Wie und wann kam es dann zum Museum hier in Neuraimundsreut?

Ich erkannte persönlich erst 1997 die kulturgeschichtliche Dimension der Bilder, des Handwerks, des Brauchtums Hinterglasmalerei. Seitdem habe ich mich intensiv damit beschäftigt, gemeinsamen mit vielen weiteren Interessierten.

In den Hochzeiten um 1830 wurden über 30.000 Tafelbilder pro Jahr gemalt

 

Im Jahr 2004 haben wir hier diesen Ausstellungsraum eröffnet, vor allem auch mit der Unterstützung von Herrn Mader und Herrn Dorfmeister. Bald ziehen wir mit dem Museum nach Schönbrunn um. Die Ausstellung zeigt Originale der verschiedenen Jahrzehnte des 18. und 19. Jahrhunderts, so Farbbilder ab 1770, Spiegelbilder, Goldschliffbilder, Russbilder und Kartuschbilder. Außer Raimundsreuter Originalen gibt es auch einige Hinterglasbilder aus Außergefild, Sandl, Buchers und Böhmen/Mähren zu sehen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.


- sh



Quellenangaben

Fotos: Stephen Hahn



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