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03.03.2015
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Regionale Kunst und Handwerk: Glasmuseum Frauenau

Glas spielt in der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des Bayerischen Waldes eine herausragende Rolle. Im Glasmuseum in Frauenau - dem zentralen
Ort der Glasregion Bayerischer Wald und unmittelbarer Nachbar des europäischen Mittelpunktes der Glaserzeugung, der Tschechischen Republik – kann man die Glasmacherei bis ins späte Mittelalter zurückverfolgen. Noch heute zeugen drei aktive Glashütten in Frauenau von der enormen Bedeutung des Werkstoffes Glas für die Region: die Glasmanufaktur von Poschinger, die Kristallglasfabrik Isidor Gistl als Zweigwerk der Kristallglasfabrik Spiegelau und die Glashütte Valentin Eisch. Darüber hinaus arbeiten hier noch viele Handwerker und Künstler in ihren Werkstätten und Ateliers. Die Glasbetriebe, das Glasmuseum als Ausstellungs- und Aktionszentrum für viele Künstler sowie die Akademie Bild-Werk machen Frauenau zu einem Schmelztiegel der europäischen Glaskunst und des Glashandwerks, zu einem Treffpunkt von Glas und seinen Menschen.

waidler.com traf die Leiterin des Glasmuseums Frauenau, Karin Rühl, zu einem Gespräch.

 

Frau Rühl, welche Zielsetzungen verfolgt das Glasmuseum Frauenau?

Ohje, die Aufgaben sind so vielfältig. Ich werde versuchen, dem in einigen Sätzen gerecht zu werden. Zum Einen will das Museum natürlich die Historie der Glasherstellung reflektieren, von der Antike bis zur Gegenwart. Zweitens zielen wir mit unseren Ausstellungen und Aktivitäten stark auf den regionalen Bezug der Glasherstellung und Glaskunst ab im Hinblick auf den äußerst wichtigen und interessanten internationalen Kontext. Dann präsentieren wir in unseren Räumen natürlich moderne, regionale, internationale Ausstellungen. Unser Museum betreibt auch eine rege Sammeltätigkeit, in unserer Bibliothek stehen viele Fachbücher, die man ausleihen kann. Und ganz wichtig: Was macht Glas mit den Menschen? Die Facetten des Lebens und Arbeitens mit Glas. Erfahrungsberichte von Menschen aus der Region, was Glas für sie bedeutet, was Glas aus ihnen macht. Ihre Identifikation mit Glas, mit der Aktualität in der Glasgestaltung. Damit bringt das Museum Glashistorie und Glasgegenwart zusammen.

DSC_0076.JPG Fragmente des Original-Glasofens der Hütte Ludwigsthal

 

Der Schwerpunkt liegt auf dem Glas und vor allem den Menschen, die sich damit beschäftigen?

Ja, genau. Wir wollen den Wert der Arbeit und der Kreativität, der handwerklichen Perfektion darstellen, kommunizieren. Dass es sich bei der handwerklichen, künstlerischen Beschäftigung mit Glas – also außerhalb der Serienproduktion in den Hütten – um einen kreativen, ganzheitlichen Prozess handelt. Kreativität bedeutet Einmaligkeit, nicht Reproduktion.

 

Das Museum ist also so eine Art moderner Robin Hood, der …

… der sich für Künstler, Handwerker, Glasarbeiter einsetzt. Wir wollen die gesamte kulturelle Wertschöpfungskette in den Werkstätten und Ateliers zeigen, darauf aufmerksam machen. Glasmachen ist Kreativität. Wir zeigen im Museum den Prozess der Herstellung nicht losgelöst von den Menschen, sondern lassen die Künstler und Handwerker ganz bewusst ihre eigenen „Glasbeziehungen“ auch kommentieren. Dadurch wird Wertschätzung konstruiert, der Mensch rückt in den Mittelpunkt.

DSC_0075.JPG

Karin Rühl vor einer Bildertafel regionaler Glaskünstler, -arbeiter

 

Und das kommt bei der Bevölkerung an, es gibt eine Identifikation mit dem Thema Glas?

Ja! Es gibt eine Glasidentität. Die Menschen sind stolz auf ihre Glasregion. Das ist zumindest mein Empfinden, mein Eindruck aus den vielen Gesprächen und Begegnungen.

 

Und ihr Erfahrungsschatz ist groß. Sie sind bereits seit über 20 Jahren im Glasmuseum.

Am 01.03.1993 hatte ich die Leitung des Glasmuseums, das ja bereits 1975 erstmalig eröffnete, übernommen. Seit 10 Jahren sind wir im Neubau. Glas liegt mir in den Genen. Ich bin gebürtige Frauenauerin, habe in Berlin und Paris Kunstgeschichte studiert. Mein Vater Helmut Schneck war Betriebsleiter bei Eisch. Glas ist quasi mein Familienerbe. Ich musste nicht lange überlegen, als mich die drei Initiatoren des Glasmuseums - unser ehemaliger Bürgermeister Alfons Hannes, Erwin Eisch und mein Vater - baten, nach Frauenau zurückzukommen. Mein Herz schlägt für Glas.

DSC_0080.JPG Ausstellung "Pâte de verre"

 

Was sind die nächsten Projekte, auf was dürfen sich die Besucher freuen?

Wir sind gerade dabei, einen Glasatlas Niederbayern zu erstellen. Darin findet man alles Wissenswerte zum Thema Glaskünstler, Hütten, Glaskultur in unserer Region. Im August reist eine Gruppe niederbayerischer Glaskünstler in die europäische Kulturhauptstadt Pilsen, um unsere Glasheimat, den Gläsernen Winkel zu präsentieren. Am Pfingstwochenende eröffnen wir eine Ausstellung tschechischer Künstler, die in unseren Gläsernen Gärten „wächst“. Hier wird man individuelle Kreativität gepaart mit Handwerkskunst bestaunen können, also den Olymp eines Künstlers, der Glas bearbeitet. Und Ende des Jahres freuen wir uns auf die Retrospektive des Zwieseler Glaskünstlers Franz Xaver Höller.

 

 

Herzlichen Dank Frau Rühl!

 

 

 


- sh



Quellenangaben

Fotos: Stephen Hahn



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