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05.01.2018
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Ellen Huber: Heilpflanzenschule Millefolia

Intensiv beschäftigt sich die Diplom-Biologin und Heilpraktikerin mit der Heilpflanzenthematik seit 25 Jahren, Ellen Huber gibt auch Kurse in ihrer Heilpflanzenschule in Hohenau. Seit Kindesbeinen ist die gebürtige Oberallgäuerin daran gewöhnt, dass Erkrankungen naturheilkundlich therapiert werden. Sie ist als Autorin für Heilpflanzen in Fachzeitschriften für Heilpraktiker tätig. Die Zeitschrift „Landlust“ berät sie zu Heilkräuterthemen. Im Interview mit WAIDLER.COM spricht Ellen Huber über die Kraft der Natur.

 

Welche Heilpflanzen gibt es im Bayerischen Wald? Für welche Therapien eignen sie sich, werden sie eingesetzt?

Oh je, unwahrscheinlich viele, sie sind aber nicht für die Gegend spezifisch. Spezifisch fällt mir spontan nur die Bärwurz ein. Da haben aber die meisten Leser wohl eher Assoziationen zu flüssigen Anwendungen in Form von Schnaps, genauso wie bei der Blutwurz. Die destillierten Schnäpse haben allerdings nur wenige Inhaltsstoffe. Die Wurzel der Blutwurz ist ein stark gerbstoffhaltiges Mittel. Als Tee, Pulver oder Tinktur eingenommen, kann es bei Durchfallerkrankungen stopfend und desinfizierend wirken. Allerdings sind die Gerbstoffe oft nicht gut magenverträglich. Die Gerbstoffe wirken auch stark blutstillend. Das ist also keine Pflanze für den täglichen Tee. Bei infektiösem Durchfall empfehle ich eher Meisterwurz, da sie besser verträglich ist.

Weitere Beispiele wären die Kleine Braunelle und der Stinkende Storchenschnabel. Sie sind gut geeignet, um als Tee oder Tinktur Anflüge von Halsentzündungen oder Lippenherpes in den Griff zu bekommen.

Braunelle

Braunelle

 

Zu den ersten Pflanzen, die im Frühjahr erscheinen, gehören die Brennnessel, der Löwenzahn, der Giersch oder der Gundermann. Sie wirken entgiftend und regenerierend für Leber, Nieren, dazu sehr antioxidativ, also zellschützend.

stinkender Storchenschnabel 

Stinkender Storchenschnabel

 

Was würden Sie tatsächlich als „Wunderkraut“ bezeichnen?

Eines meiner Lieblingsmittel ist die Meisterwurz. Eine vielseitige Heilerin, deren lateinischer Name Imperatoria ostruthium schon ausdrückt, dass es sich grob übersetzt um eine Kaiserwurz handelt. Sie wurde früher viel in der Volksheilkunde eingesetzt. Dies ist ein Gewächs der Alpen, genauso wie ich. Ich habe mich erst 2012 im Bayerischen Wald in Hohenau angesiedelt. Auch die Meisterwurz kommt im Bayerwald gelegentlich verwildert vor. Sie ist hier aber nicht ursprünglich heimisch, sondern aus Gärten ausgewildert. Sie lässt sich aber problemlos im eigenen Garten kultivieren.

Die wichtigsten Anwendungsgebiete sind Magen-Darm-Infekte aller Art, alle Erkältungskrankheiten bis hin zur echten Virusgrippe. Für Menschen die Gerinnungshemmer (Marcumar etc.) einnehmen ist die längere Einnahme von Meisterwurz nicht geeignet, da sie ebenfalls gerinnungshemmende Substanzen enthält und daher deren Wirkung verstärkt.

Meisterwurz 

Meisterwurz

 

Wie wird die „Medizin“ verabreicht?

Vor allem kommen Tees, Pflanzenpulver, alkoholische Pflanzenauszüge (Tinkturen) wie auch ölige Pflanzenauszüge, die zu Salben oder Einreibungen verarbeitet werden, zum Einsatz. Daneben auch Bäder, Mundspülungen oder Umschläge, Wickel.

 

Ist es eine Komplementär-Therapie oder können kranke Menschen komplett auf konventionelle Medikamente verzichten?

Dies richtet sich nach der Stärke der Beschwerden. Je früher man mit Kräutern Vorsorge betreibt, desto gesünder bleibt der Mensch. Es ist also sinnvoll auch schon in jungen Jahren Kräutertees, Wildgemüse in der Küche und Entgiftungskuren etc. einzusetzen, um den Körper bestmöglich gesund zu erhalten (natürlich auch gesunde Ernährung). Dann brauchen wir später weniger oder gar keine pharmazeutisch hergestellten Medikamente. Ein Beispiel wäre die Arteriosklerose. Hier kann man sehr viel Vorsorge mit geeigneten Pflanzen wie Bärlauch, Knoblauch und vielen anderen betreiben. Bei einer manifesten Arterienverkalkung können die Pflanzenpräparate nur noch begrenzt Linderung verschaffen. Sind Krankheiten zu weit fortgeschritten, brauchen wir einen langen Atem in der Therapie und dazu sind Patienten oft nicht bereit, weil sie schnelle Erfolge sehen wollen. Hier sind oft konventionelle schulmedizinische Medikamente nötig, um stärker in das Körpergeschehen einzugreifen. Meist um den Preis von unerwünschten Nebenwirkungen, Statine zur Verminderung der Blutfette begünstigen Leber- und Nierenprobleme und schwerwiegende Muskelerkrankungen. Es muss immer der Einzelfall betrachtet werden, was mit Heilkräuterkunde machbar ist und was nicht, da gibt es keine Patentrezepte.

Ellen Huber

 

Schulmedizin kann in vielen Bereichen sehr hilfreich sein und die Heilkräuterkunde kann da eine komplementäre Ergänzung sein, z. B. bei Herzschwäche brauchen wir in massiveren Fällen schulmedizinische Medikamente, aber ergänzend wirken Präparate aus Weißdorn sehr harmonisierend. Dies sollte aber immer in Absprache mit dem Arzt erfolgen, da eben pflanzliche Mittel weitere Medikamente stören können Schulmedizin und Heilkräuterkunde können sich in vielen Bereichen ergänzen, dazu ist aber Offenheit auf beiden Seiten notwendig.

 

Gilt auch bei Heilpflanzen, die Dosis macht das Gift?

Ja, auf jeden Fall, deshalb sind detaillierte Kenntnisse notwendig. Einerseits beim Sammeln von Pflanzen, um ungiftige von giftigen zu unterscheiden, aber auch v. a. in der Anwendung. Das Johanniskraut ist da ein recht eindrückliches Beispiel, weil man über die Jahre viel Erfahrungen über Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gesammelt hat. Hoch dosierte Präparate können da ein Problem sein, da sie die Wirksamkeit von pharmazeutischen Präparaten verändern. Andere Pflanzen müssen in der Dosis genau bemessen werden, damit keine Schäden auftreten, Beispiel Arnika. Selbst bei der äußerlichen Anwendung der Tinktur muss man genau die Verdünnung kennen: Wird die Tinktur zu konzentriert aufgebracht, kann es zu irreparablen Hautschäden kommen. Unsachgemäß innerlich eingenommen kann Arnika schwere Herz- / Kreislaufprobleme verursachen. Pflanzen haben teils mächtige Inhaltsstoffe mit denen weise umgegangen werden sollte.

Gundermann

Gundermann

 

Hilft, an die Wirkung zu glauben?

Wir dürfen bei so ziemlich allen Therapiemethoden von einer sehr großen Placebo-Wirkung ausgehen, egal ob das Schulmedizin oder Alternativmedizin ist. Die Heilkräuterkunde ist aber doch in vielen Wirkungsbereichen recht gut erforscht. Allerdings wirkt nicht jede Pflanze bei jedem Menschen gleich gut, deshalb ist es sinnvoll mehrere Heilpflanzen für den jeweiligen Beschwerdekomplex zur Auswahl zu haben.

 

Warum vertrauen immer mehr Menschen wieder den Heilkräften der Natur?

Es kommen immer mehr Berichte an die Öffentlichkeit über unerwünschte Nebenwirkungen von pharmazeutischen Medikamenten. Auch die Diskussion über Folgen von übertriebenem Antibiotikakonsum trägt dazu bei. Es gibt sehr viele antibiotisch wirksame Pflanzen, ohne die Darmflora zu schädigen etc., und es sind auch bisher keine Resistenzen gegen deren antibiotische Wirkung bekannt. Antibiotikaresistenzen bei den pharmazeutischen Produkten werden die Schulmedizin an gewisse Grenzen bringen, wir stehen an der Schwelle zum postantibiotischen Zeitalter. Eine Rückbesinnung und eingehendere Beforschung der Pflanzenkräfte wäre hier absolut wünschenswert, bringt aber der Pharmaindustrie keine Gewinne, deshalb passiert so wenig.

So ist die zunehmende Selbstverantwortung des mündigen Patienten gefragt. Nur wer sich informiert kann auch gut für sich entscheiden. Daran ist die Pharmaindustrie jetzt nicht so interessiert, da tauchen zu viele unbequeme Fragen auf.

Ich möchte den Menschen Anstöße geben, wie sie ihre Hausapotheke mit pflanzlichen Mitteln bestücken können, die dann bei kleineren Beschwerden fachgerecht eingesetzt werden. So hat man auch am Wochenende, wenn die Apotheke geschlossen hat, gleich ein passendes Mittel zur Hand.

 

Vielen Dank für das Gespräch.


- SH



Quellenangaben

Fotos: Ellen Huber



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