Das Smartphone als Motorsäge

zurück zur Übersicht
Gefällt mir
24.06.2023
Regen
1886 Klicks

Prof. Manfred Spitzer spricht bei Informationsveranstaltung des Bezirks über Auswirkungen digitaler Medien

 

Handys sind wie Motorsägen nützliche Werkzeuge, die gleichzeitig auch gefährlich sind – vor allem für Kinder und Jugendliche, die ohne den richtigen Umgang damit in ihrer Entwicklung negativ beeinträchtigt werden. Dies war eine der zentralen Aussagen von Prof. Manfred Spitzer, einem der renommiertesten Gehirnforscher, der sich vor allem darauf spezialisiert hat, wie sich die Digitalisierung auf die Gesundheit und Bildung von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Deshalb lud ihn der Bezirk Niederbayern zu einer Informationsveranstaltung in den Saal der Firma Penzkofer nach Regen ein, um vor rund 230 Pädagogen vom Kindergarten bis zur Hochschule sowie weiterer Interessierter über das Thema zu informieren.

Obwohl der Bezirk Niederbayern in den vergangenen zehn Jahren die stationären Angebote in der Kinder- und Jugendpsychiatrie stark ausgebaut und ambulante Behandlungsplätze neu eingeführt hat, übersteigt der Bedarf nach wie vor die Kapazitäten. „Die Nachfrage steigt stetig an und wir müssen uns dringend die Frage stellen, wie wir diesem Trend entgegensteuern können“, begründete Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich seine Initiative zu dieser Veranstaltung.

„Ich bin gerne gekommen, weil Sie alle wichtige Multiplikatoren sind“, so Manfred Spitzer zu Beginn, bevor er über den aktuellen Stand der Wissenschaft referierte. Zehn Stunden Nutzung digitaler Medien pro Tag seien der Normalfall, bei Kindern sind es am Wochenende sogar noch mehr. „Das muss Folgen haben.“ Zunächst zeigte er die körperlichen Folgen auf, die von Kurzsichtigkeit über Schlafstörungen bis hin zur Fettleibigkeit reichen. Bis zum Alter von 25 Jahren wächst das Auge, danach nicht mehr. „Die Kinderaugen verändern sich durch den Konsum. Die Augäpfel verbiegen sich, wenn sie ständig in die Kürze schauen – das geht nicht mehr weg und ist die Hauptursache von Erblindung“, so der Experte. Studien prognostizieren, dass 2050 etwa die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein und damit auch die Zahl der erblindeten Menschen erheblich ansteigen wird.

Neben den körperlichen Schäden seien vor allem aber die seelischen Schäden dramatisch. Zu viel Handykonsum wirke auf das Gehirn wie eine Sucht, die Glücksempfinden und Lernen hemme. Wenn man mehr als drei Stunden pro Tag soziale Medien nutzt, erkranke man später mit doppelter Wahrscheinlichkeit an einer Depression. Studien aus den USA, nach denen sich die Suizidrate unter Jugendlichen innerhalb von zehn Jahren verdoppelt hat, zeigen die drastischen Auswirkungen. Neben Angst und Depression verhindere zu starker Medienkonsum, dass Kinder Empathie entwickeln. „Um das zu lernen, braucht es echte Menschen“, so der ärztliche Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm.

iPads in Kindergärten: „Das ist Körperverletzung“

Die Digitalisierung in der Bildung sei in Deutschland in aller Munde – die Kommission, die die Kulturministerkonferenz berät, empfiehlt aktuell die Einführung von iPads in Kindergärten. „Das ist Körperverletzung mit Ansage“, so der Experte. Anhand einer Grafik im Rahmen der PISA-Studie, die die schulischen Leistungen von 15-Jährigen in aller Welt untersucht, wurde klar: Je mehr ein Land in die Digitalisierung seiner Bildung investiert, desto schlechter werden die Leistungen der Schüler.

Nach einem kurzen „Crashkurs“ über die Entwicklungsprozesse im Gehirn, das nur dann wächst, wenn es benutzt wird – dafür aber „nie voll“ ist und durch Milliarden von Synapsen, die sich täglich verändern, ins Unendliche wachsen kann, nahm er sich das Bildungssystem vor. Am meisten lernen Kinder im Kindergarten und in der Grundschule, danach fällt die Kurve ab. „Eigentlich müsste die Politik dort das meiste Geld investieren. Doch warum wird das nicht gemacht? Weil diese Zielgruppe nicht wählen kann“, so der Professor, der auch das geringere Gehalt von Erziehern und Grundschullehrern kritisierte. „Alles, was man bis 25 Jahren nicht gelernt hat, hindert einem daran, weiterzulernen.“ Alle Studien zeigen den klaren Zusammenhang zwischen der Nutzung digitaler Medien und der geistigen Leistung. „Alleine wenn das Handy auf dem Tisch liegt, senkt im Gegensatz zum Handy im Nebenraum den IQ um 7 Prozent, das entspricht dem durchschnittlichen IQ-Unterschied zwischen Gymnasiasten und Realschülern.“ Interessant dabei: Die Leistungen von schwächeren Schülern leiden am meisten unter digitalen Medien.

 

(v. l.): Prof. Manfred Spitzer, Veronika Auer, Dr. Roland Ebner, Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich
(v. l.): Prof. Manfred Spitzer, Veronika Auer, Dr. Roland Ebner, Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich

 

Lernen als Demenzprophylaxe

Das Lernen sei nicht nur wichtig für die Berufswahl und den mittelfristigen Lebensweg junger Menschen, sondern auch langfristig für ihr Alter. „Wenn eine Demenz mit 70 Jahren einsetzt und Sie bauen geistig ab, dann dauert es eben länger, wenn Sie mehr im Kopf haben“, so Spitzer anschaulich, der diesen Prozess wie den Abstieg von einem Berg betrachtet. „Je höher sie oben sind, desto länger dauert der Weg nach unten.“ Schule sei also Demenzprophylaxe.

Nach dem Vortrag berichteten in einer Gesprächsrunde Veronika Auer, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin an der psychiatrischen Institutsambulanz in Zwiesel, sowie Dr. Roland Ebner, Leiter der Institutsambulanz und der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Deggendorf, von ihren Erfahrungen aus der Praxis, die die Aussagen von Prof. Spitzer bestätigten.

„Wir wissen gar nicht, was da alles abgeht“

„Wir Erwachsenen wissen gar nicht, was da alles abgeht“, so Roland Ebner, der von Fällen berichtete, in denen junge Mädchen Nacktfotos von sich posten oder von Suiziden oder Suizidversuchen, weil man dem Vergleich in sozialen Medien nicht standhalten kann. „Ich habe den Eindruck, dass viele Eltern von den Problemen wissen, aber sich am Ende die Bequemlichkeit durchsetzt“, berichtete Veronika Auer von ihrem Alltag.

„Vor 100 Jahren haben die Leute ihre Kinder mit Baumwolltüchern ruhiggestellt, die sie vorher mit Alkohol und Opium getränkt haben, weil sie es nicht besser wussten. Womöglich sagen die Leute in 50 Jahren auch über uns, ob wir wahnsinnig waren, weil wir so leichtfertig unsere Kinder mit Smartphones ruhiggestellt haben“, kommentierte Manfred Spitzer. Das Argument, dass „alle anderen auch eins haben“, sei kein Grund. „Wir haben alle Verantwortung für unsere Kinder – wenn es die Politik schon nicht vorgibt, dann müssen sich Lehrer und Eltern zusammenschließen und gemeinsam das Handy zumindest aus der Schule verbannen. „Es macht süchtig und beeinflusst die Gehirnentwicklung – im Grunde müsste man es wie Alkohol und Zigaretten bis 14 Jahre verbieten.“ Dafür und für seinen fesselnden Vortrag bekam Manfred Spitzer viel Applaus von den Gästen, die im Anschluss noch lange diskutierten und sich austauschten.

Und womöglich erfüllt sich damit auch das Ziel der Veranstaltung, dass „die ein oder andere Weiche nun anders gestellt wird“, wie es Olaf Heinrich in seinem Schlusswort formulierte.


- SB


Bezirk NiederbayernBezirk NiederbayernLandshut

Quellenangaben

Bezirk Niederbayern
Foto: Sepp Eder

Sie möchten Ihren Bericht regional bewerben?

Alle Informationen und Ihren Ansprechpartner finden Sie HIER.


Kommentare

Bitte registrieren Sie sich um hier Kommentare eintragen zu können!
» Jetzt kostenlos Registrieren oder haben Sie Loginprobleme?


Ähnliche Berichte




Diese Webseite verwendet Cookies

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Um die Funktionen unserer Webseite vollumfänglich Nutzen zu können, willigen Sie bitte in deren Nutzung ein.

Akzeptieren und schließen
Alle Cookies akzeptieren Alle ablehnen Cookie-Einstellungen anpassen
Cookie-Erklärung Über Cookies
Notwendig Statistiken Marketing

Notwendige Cookies helfen dabei, eine Webseite nutzbar zu machen, indem sie Grundfunktionen wie Seitennavigation und Zugriff auf sichere Bereiche der Webseite ermöglichen. Die Webseite kann ohne diese Cookies nicht richtig funktionieren.

Name Anbieter Zweck Ablauf
cookieinfoWAIDLER.COMSpeichert die Benutzereinstellungen zu den Cookies.90 Tage
waidler-sessionWAIDLER.COMEindeutige ID, die die Sitzung des Benutzers identifiziert.Session

Statistik-Cookies helfen Webseiten-Besitzern zu verstehen, wie Besucher mit Webseiten interagieren, indem Informationen anonym gesammelt und gemeldet werden.

Name Anbieter Zweck Ablauf
_gaWAIDLER.COMRegistriert eine eindeutige ID, die verwendet wird, um statistische Daten dazu, wie der Besucher die Website nutzt, zu generieren.2 Jahre
_ga_*WAIDLER.COMEnthält eine zufallsgenerierte User-ID. Anhand dieser ID kann Google Analytics wiederkehrende User auf dieser Website wiedererkennen und die Daten von früheren Besuchen zusammenführen.2 Jahre
_gatWAIDLER.COMWird von Google Analytics verwendet, um die Anforderungsrate einzuschränken1 Tag
_gat_*WAIDLER.COMWird von Google Analytics verwendet, um die Anforderungsrate einzuschränken2 Jahre
_gac_*WAIDLER.COMWird von Google Analytics verwendet, um die Anforderungsrate einzuschränken2 Jahre
_gidWAIDLER.COMRegistriert eine eindeutige ID, die verwendet wird, um statistische Daten dazu, wie der Besucher die Website nutzt, zu generieren.1 Tag

Marketing-Cookies werden verwendet, um Besuchern auf Webseiten zu folgen. Die Absicht ist, Anzeigen zu zeigen, die relevant und ansprechend für den einzelnen Benutzer sind und daher wertvoller für Publisher und werbetreibende Drittparteien sind.

Name Anbieter Zweck Ablauf
IDEWAIDLER.COMVerwendet von Google DoubleClick, um die Handlungen des Benutzers auf der Webseite nach der Anzeige oder dem Klicken auf eine der Anzeigen des Anbieters zu registrieren und zu melden, mit dem Zweck der Messung der Wirksamkeit einer Werbung und der Anzeige zielgerichteter Werbung für den Benutzer.1 Jahr
AMP_TOKENWAIDLER.COMNutzer-ID für AMP Tracking1 Jahr
FPIDWAIDLER.COM2 Jahre
test_cookieWAIDLER.COMVerwendet, um zu überprüfen, ob der Browser des Benutzers Cookies unterstützt.15 Minuten
ads/ga-audiencesWAIDLER.COMUsed by Google AdWords to re-engage visitors that are likely to convert to customers based on the visitor's online behaviour across websites.Session
NIDWAIDLER.COMNutzerpräferenzen und Werbung, Registriert eine eindeutige ID, die das Gerät eines wiederkehrenden Benutzers identifiziert. Die ID wird für gezielte Werbung genutzt.1 Jahr
_gcl_auWAIDLER.COMConversion-Tracking und Anzeigenmessung90 Tage
_gcl_awWAIDLER.COMZuordnung von Conversions zu Ads-Klicks90 Tage
_gcl_dcWAIDLER.COMConversion-Tracking (Display & Video 360)90 Tage
ANIDWAIDLER.COMWerbe-Tracking1 Jahr
Einstellungen speichern

Cookies sind kleine Textdateien, die von Webseiten verwendet werden, um die Benutzererfahrung effizienter zu gestalten.

Laut Gesetz können wir Cookies auf Ihrem Gerät speichern, wenn diese für den Betrieb dieser Seite unbedingt notwendig sind. Für alle anderen Cookie-Typen benötigen wir Ihre Erlaubnis.

Diese Seite verwendet unterschiedliche Cookie-Typen. Einige Cookies werden von Drittparteien platziert, die auf unseren Seiten erscheinen.

Sie können Ihre Einwilligung jederzeit von der Cookie-Erklärung auf unserer Website ändern oder widerrufen.

Erfahren Sie in unserer Datenschutzrichtlinie mehr darüber, wer wir sind, wie Sie uns kontaktieren können und wie wir personenbezogene Daten verarbeiten.

Bitte geben Sie Ihre Einwilligungs-ID und das Datum an, wenn Sie uns bezüglich Ihrer Einwilligung kontaktieren.