75 Jahre Bergwacht Grafenau

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27.11.2021
Grafenau
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Am 01.12.2021 kann die Bergwachtbereitschaft Grafenau auf 75 Jahre seit ihrer Gründung zurückblicken. Eigentlich ein Grund zum Feiern. Aber wie vielen anderen ergeht es auch den Grafenauer Bergrettern. Aufgrund der unklaren Lage – bedingt durch Corona – beschlossen die Kameraden bereits vor längerer Zeit, die Feier ausfallen zu lassen, da die Situation für längerfristige Planungen heuer einfach zu unsicher war. „Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ meinte Bereitschaftsleiter Thomas Mixa und hofft, dass im nächsten Jahr zumindest eine kleine Geburtstagsfeier stattfinden kann.

Wenn auch der Gedanke einer Bergwachtgründung in Grafenau bereits im Juli 1935 durch Ernst Loibl – später langjähriger Bürgermeister der Stadt – aufgegriffen wurde und auch entsprechende Verhandlungen geführt worden waren, kam die Verwirklichung erst am 1. Dezember 1946. Grafenau war die erste Bereitschaftsgründung nach dem Zweiten Weltkrieg im Abschnitt Bayerwald. Bei der Gründungsversammlung im Cafe Friedl am Stadtplatz meldeten sich spontan 25 Aktive. Die Leitung der Bereitschaft wurde Xaver Süß übertragen. Den Dienstbetrieb begann man bereits 1947 auf dem Lusen, später kam dann noch der Rachel hinzu. Unmittelbar unter dem Rachelgipfel konnte eine ehemalige Wehrmachtsbaracke erworben und zu einer BW-Diensthütte umfunktioniert werden.

Nach zweimaliger Erweiterung und einer Generalsanierung in den Jahren 2006/07 dient sie den Bergrettern bis heute immer noch als Diensthütte.

1948 stellten die Bergwachtler das Rachelkreuz auf, das heute noch ein Mahnmal auf dem zweithöchsten Bayerwaldberg ist und inzwischen von der Waldvereinssektion Spiegelau betreut wird.

Prüflinge 1955: v.l. Unbekannt, Karl Robl, Heinz Sigl, Hubert Sailer, Oskar Geiger, unbekannt, unbekannt, Heinz Koslitz, Richard Ode (Prüfer), Adi Stockinger, Rudi Ressel
Prüflinge 1955: v.l. Unbekannt, Karl Robl, Heinz Sigl, Hubert Sailer, Oskar Geiger, unbekannt, unbekannt, Heinz Koslitz, Richard Ode (Prüfer), Adi Stockinger, Rudi Ressel


Berufsbedingte Abwanderungen von aktiven Kameraden brachte eine radikale Dezimierung der Sollstärke und die Bereitschaftsleitung wurde nach Spiegelau verlegt. Das Überleben der noch jungen Bereitschaft war in Frage gestellt. Erst 1954 gab es durch Herbert Koslitz in Grafenau eine Wiederbelebung. Der beruflich nach Grafenau versetzte und in der Bereitschaft Regensburg ausgebildete Bergwachtler Andreas Kiefl - also „a Zuagroasta“, wie er manchmal von den Einheimischen damals auch zu seinem Leidwesen bezeichnet wurde - übernahm die Ausbildung in Erster Hilfe und im Bergrettungsdienst. Schon im Februar 1955 legten die jungen Anwärter ihre Prüfung ab. Die Bereitschaft Grafenau war damit gerettet.

Ausbildung damals: v.l. Anton Lippl, unbekannt, Konrad Liehmann, Sepp Brüher
Ausbildung damals: v.l. Anton Lippl, unbekannt, Konrad Liehmann, Sepp Brüher


Am 25. April 1955 wurde Andreas Kiefl zum Bereitschaftsleiter gewählt. Er hatte dieses Amt in ununterbrochener Folge bis 1995 inne. In dieser Zeit stiegen die Anforderungen immer mehr, sodass für entsprechende Ausbildung und auch Ausrüstung gesorgt werden musste.  Aber durch die finanzielle Unterstützung des Roten Kreuzes und des Landkreises sowie der gesamten Bevölkerung hat die Bergwacht Grafenau mit dem sportlichen Aufwärtstrend und der Zunahme des Fremdenverkehrs Schritt halten und ihre Ziele zukunftsweisend stecken können.

Ausbildung 1962/63: v.l. Konrad Liehmann, Willi Botschafter, unbekannt, Anton Lippl
Ausbildung 1962/63: v.l. Konrad Liehmann, Willi Botschafter, unbekannt, Anton Lippl


Im Januar 1965 gründete die Bereitschaft im aufstrebenden Wintersportort Mitterfirmiansreut einen von ihr betreuten Bergwachtzug, der bereits 1967 zur selbständigen Bereitschaft Wolfstein erhoben wurde und mit der man sich im Jahre 2015 dann zum Einsatzleitbereich Nationalpark zusammenschloss.

1972/73 gestaltete die Bergwacht Grafenau im Keller des Lusenschutzhauses ein eigenes Domizil, das 2020 aber bedingt durch den Umbau des Hauses wieder aufgelöst werden musste.

1975 erhielt die Bereitschaft Grafenau als erste Mittelgebirgs-Bereitschaft mit einem Landrover ein geländegängiges Einsatzfahrzeug aus einer Stiftung. Dadurch waren die Einsätze auf Rachel und Lusen nicht mehr so zeit- und kräfteraubend.

Übergabe Landrover: v.l. Andreas Kiefl, Helmut Adelsberger, Sigi Ring, Adi Stockinger
Übergabe Landrover: v.l. Andreas Kiefl, Helmut Adelsberger, Sigi Ring, Adi Stockinger


Nachdem Andreas Kiefl 1993 zum Abschnittsleiter gewählt worden war, legte er nach genau 40-jähriger Tätigkeit am 25. April 1995 das Amt des Bereitschaftsleiters nieder. Als Nachfolger wählte man Dieter Knippel, als Vize Christian Mies. In deren Ära konnte das frühere Freibankgebäude der Stadt Grafenau im Leuchtenberger Weg in Erbpacht erworben und in Eigenregie in eine Bergrettungswache mit Unterrichtsraum, Gerätedepot und Doppelgarage umfunktioniert werden. Am 10. September 2000 wurde das Haus mit der kirchlichen Weihe offiziell seiner Bestimmung übergeben. Das Gebäude fällt allerdings nach 30-jährigen Pachtzeit an die Stadt Grafenau zurück, sollte der Vertrag nicht verlängert werden.

Prüfung damals
Prüfung damals

 

Prüfung heute
Prüfung heute


Am 1. April 2003 legte Dieter Knippel aus beruflichen Gründen das Amt des Bereitschaftsleiters nieder. Die Kameraden wählten Fritz Friedsam als Nachfolger. Ihm zur Seite stand weiterhin Christian Mies. In diese Zeit fällt die Strukturreform der Bayerischen Bergwacht; dadurch wurden z.B. aus den Abschnitten die Regionen, die Ausbildung der Bergretter wurde bayernweit vereinheitlicht, neben vielem anderen wurde die Berufung zum Einsatzleiter gänzlich neu strukturiert und die Hubschrauberausbildung intensiviert, nicht zuletzt durch den Bau des Zentrums für Sicherheit und Ausbildung in Bad Tölz, wo ab 2009 Einsatzszenarien aller Art samt Hubschraubereinsätzen, Seilbahnrettung und die Versorgung im Winter in einer Kältekammer unter Dach jährlich und intensiv geübt werden können.

Aktuelle Ausrüstung im Sommer
Aktuelle Ausrüstung im Sommer


Ab 01.01.2009 handelte die Bergwacht auf der Basis des neuen Bayerischen Rettungsdienstgesetztes. Die Novellierung erforderte eine Anpassung der inneren Strukturen und vor allem eine Neuorganisation der Einsatz- und Einsatzleitstruktur.

Doch der Umbau verlief bei den Grafenauern leider nicht reibungslos.

Bei der Hauptversammlung am 03. März 2009 legte der seit 2003 amtierende Bereitschaftsleiter Fritz Friedsam wegen Meinungsverschiedenheiten mit der „Obrigkeit“ bezüglich des Strukturvertrages sein Amt nieder. Da ein Nachfolger nicht gefunden wurde, leitete sein bisherige Stellvertreter Christian Mies die Bereitschaft ab sofort kommissarisch, ebenso wie nach dem endgültigen Rückzug von Friedsam am 16.12.2011.

Am 15.03.2013 konnte mit Harald Keller nach 464 Tagen endlich wieder ein Bereitschaftsleiter gefunden und gewählt werden, Christian Mies blieb Stellvertreter.

Aktuelles Equipment im Winter
Aktuelles Equipment im Winter


Doch im Juli 2014 war wegen diverser Querelen und massiver Missstimmung innerhalb der Bereitschaft bereits wieder „Feuer auf dem Dach“, so dass schließlich beide Bereitschaftsleiter ihr Amt niederlegten und die Bereitschaft bis auf Weiteres durch die Regionalleitung geführt wurde. Als Ansprechpartner und Koordinator vor Ort, um wenigstens den Dienstbetrieb aufrecht erhalten zu können, stellte sich Dr. Bodo Stößenreuther zu Verfügung.

Am 24.04.2015 wurden Harald Keller erneut zum Bereitschaftsleiter, Thomas Mixa und Dr. Bodo Strößenreuther zu seinen Stellvertretern gewählt und die Bergretter sahen endlich wieder ruhigeren Zeiten entgegen.

Im Oktober, nachdem „seine Bereitschaft“ nach langer Zeit wieder vollständig intakt war und auch harmonisch funktionierte, mussten die Bergretter dann ihren langjährigen Bereitschaftsleiter, Chronisten und Pressemann Andreas Kiefl zu Grabe tragen, im Oktober 2017 folgte ihm dann das letzte noch verbliebene Gründungsmitglied der Bereitschaft, Bruno Dankesreiter.

ZSA Helitraining
ZSA Helitraining


Bei der Hauptversammlung im März 2019 konnte man gar ein seltenes Jubiläum feiern: das goldene Ehrenabzeichen für Max Rabner für 60 Jahre Bergretter.

Gleich zu Jahresbeginn 2020 wurde Sigi Stockbauer bei einer kleinen Feier als langjähriger aktiver Einsatzleiter verabschiedet, - und von da an gings kameradschaftlich wieder begab – nicht wegen erneut schlechter Stimmung, sondern wegen Corona. Doch auch diese Hürde mit z.B. Videoversammlungen und entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen bei den Einsätzen stemmte die Bereitschaft bisher ohne Zwischenfälle.

Bergrettungsfahrzeug 2021 mit Motorschlitten
Bergrettungsfahrzeug 2021 mit Motorschlitten


Im März 2021 stellte sich Harald Keller der Wiederwahl des Bereitschaftsleiters aus beruflichen Gründen nicht mehr. Als Nachfolger wurden Thomas Mixa, als dessen Stellvertreter Dieter Graßl und Nicole Sigl gewählt.

Dank der finanziellen Unterstützung durch Firmen, Privatpersonen und Bevölkerung sowie der unverändert vorhandenen großen Einsatzbereitschaft aller Bergretter und Bergretterinnen blickt die Bereitschaft auf insgesamt doch erfolgreiche Jahre zurück, in denen das erforderliche Equipment kontinuierlich ausgebaut und den wachsenden Anforderungen angepasst werden konnte.

Zum Geburtstag leistet sich die Bereitschaft einen modernen und umweltfreundlichen Pellet - Ofen für die Bergrettungswache als Ersatz für den über 20 Jahre alten Nachtspeicherofen. Daneben wünscht sie sich, dass die „überlebensnotwendige“ finanzielle Unterstützung durch die Bevölkerung weiterhin erhalten bleibt und vor allem, dass es auch im Jahre 2046, also 100 Jahre nach der Gründung, noch engagierte Frauen und Männer gibt, die als Bergwacht Grafenau Menschen in Notsituationen im unwegsamem Gelände „zu jeder Zeit und bei jedem Wetter“ ehrenamtlich helfen.


- SB


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Quellenangaben

Bergwacht Grafenau

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