Die Ilzer Perle: Süffig, vor allem aber schützenswert

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17.05.2017
Fürstenzell
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Die Flussperlmuschel gab es einst zu Hunderttausenden in unseren Gewässern. Ihre hohen Lebensraumansprüche lassen sie nur in einem intakten und natürlichen Ökosystem überleben. Im Interview mit WAIDLER.COM erzählt der Leiter des Flussperlmuschelprojektes, Dr. Marco Denic, von einem einzigartigen Lebewesen, der Pflicht, dessen Fortbestand zu gewährleisten sowie einer süffigen PR-Aktion.

 

Herr Denic, mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich in Ihrem Projekt Flussperlmuschel konfrontiert?

Das Projekt besteht aus mehreren Bausteinen. Primär geht es darum, Problemlösungsstrategien zu entwickeln, Voraussetzungen zu schaffen, damit sich die Flussperlmuschel in absehbarer Zeit wieder von selbst vermehrt. Und das bedeutet zunächst, ein strukturelles Defizit zu lösen oder zumindest zu verringern. Schlechte Wasser- und Strukturqualität der Fließgewässer haben die Bestände der Flussperlmuschel beeinträchtigt. Flussperlmuscheln sind sehr anspruchsvoll. Sie gedeihen nur in kühlen, kalkarmen, sauerstoffreichen sowie feinsedimentarmen Gewässern. Die Larve der Flussperlmuschel ist ein Parasit und lebt mehrere Monate in den Kiemen der Bachforelle. Wenn sie eine gewisse Größe erreicht hat, und die Wassertemperatur im Frühjahr angestiegen ist, lässt sie sich ins Flussbett fallen und gräbt sich dort ein. Wenn das Gewässer nun einen zu hohen Anteil an Feinsedimenten aufweist, verstopft das Kieslückensystem, die Muschel erstickt. Die Gründe für derartige Strukturdefizite liegen in der Begradigung, der Flächenversiegelung, der Uferbefestigung, zunehmenden Starkniederschlägen, einer veränderten Landnutzung und der damit verbundenen Erosion.

Eine intakte Muschelbank

 

Die Lösungsstrategien sind komplex und nur in Kombination effizient. Man muss den Anteil erosionsanfälliger Landnutzungsformen verringern, veränderte Gewässerabschnitte renaturieren oder auch Sediment mit z. B. Sandfängen noch vor dem Gewässer abfangen. Dazu müssen wir natürlich auch alle betroffenen Parteien - Landwirte, Naturschützer, die Bevölkerung allgemein - mit ins Boot holen, Kompromisse gemeinsam erarbeiten. Nehmen wir das Thema Düngen. Da kann ganz viel erreicht werden, wenn man die Ausbringungszeit, die Menge und die Art des Düngers gut auf die örtlichen Gegebenheiten abstimmt. Letztlich geht es um eine nachhaltige Landnutzung, nicht um kurzfristigen Maximalertrag. Dafür ist nicht nur die Landwirtschaft verantwortlich, es geht auch um Fragen kommunaler Strukturkonzepte, um umweltbewusstes Verhalten jedes Einzelnen. Wir versuchen deshalb über die Öffentlichkeitsarbeit einen stetigen Dialog mit der Bevölkerung zu pflegen, aufzuklären, Aufmerksamkeit und Interesse erzeugen. Dies tun wir durch Presseberichte unterschiedlicher Art, durch Führungen und Exkursionen oder seit neuestem mit dem Perlmuschelbier Ilzer Perle, gebraut von der Hutthurmer Brauerei. Der Muschelbestand ist ein Indikator für die Wasserqualität. Und die geht uns alle an, Wasser ist Leben. Bier wird mit Wasser gebraut. Das Produkt soll die Verbindung zwischen Naturschutz, nachhaltiger Produktion und Lebensqualität veranschaulichen. Ein Teil des Erlöses kommt dabei auch wieder dem Naturschutz zu Gute.

 

Dr. Marco Denic, Leiter des Flussperlmuschel-Projektes

 

Bei der Vermehrung helfen Sie seit einiger Zeit nach mit der eigenen Nachzuchtstation in Fürstenstein. Was ist das Ziel?

Zunächst: Die Nachzucht ist absolut notwendig, sonst wäre die Flussperlmuschel in wenigen Jahren verschwunden, da die Bestände stark überaltert sind. In der gesamten Ilz mit Nebengewässern gibt es etwa noch 5.000 Individuen. Nur mal zum Vergleich: In Muschelbänken intakter Gewässer finden sich auf einem Quadratmeter drei- bis vierhundert Muscheln. Unser Ziel lautet, bis 2021 die Bestände zu verdoppeln. Und natürlich dafür zu sorgen, dass sich Bedingungen im natürlichen System verbessern, damit mittelfristig die Vermehrung wieder auf natürlichem Wege klappt.

Nahaufnahme einer einzelnen Flussperlmuschel

 

Wann werden die Flussperlmuscheln aus der Zucht in die freie Natur, ins Gewässer entlassen?

Dafür gibt es mehrere Parameter. Erstens muss die Schalenlänge ausreichend sein, um sie zu markieren und so dem Zuchtprogramm zuordnen zu können. Zweitens muss die Muschel die Ernährung auf Filtrierung umgestellt haben, was dazu führt, dass sie aus dem Kieslückensystem wieder an die Substratoberfläche zurückkehrt. Das geschieht nach vier bis fünf Jahren.

 

Stichwort Alter: Wie alt wird denn so eine Flussperlmuschel?

Das hängt von der geographischen Region ab. In Nordnorwegen, in sehr kalten Gewässern, in der die biologische Aktivität sehr niedrig ist, kann sie bis zu 280 Jahre alt werden und ca. 15 bis 20 cm groß. Bei uns wird sie etwa 100 Jahre alt und 12 bis 15 cm groß.

 

Räumgut aus einem Sedimentfang

 

Was reizt Sie persönlich an dem Thema?

Ich habe mich schon in meiner Promotion mit dem Sedimenttransport in Fließgewässern und deren Auswirkung auf Organismen beschäftigt. Vor der aktuellen Tätigkeit war ich an der Koordinationsstelle für Muschelschutz beschäftigt. Der Abwechslungsreichtum und die zahlreichen Vernetzungen zu anderen Themen haben mich von Anfang an fasziniert. Die Flussperlmuschel hat als Filtrierer eine Schlüsselfunktion im Ökosystem inne. Ihr Verschwinden hätte einen Dominoeffekt und würde sich auch auf die Lebensqualität der Menschen auswirken, es würde zu nachhaltigen Veränderungen kommen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.



Quellenangaben

Fotos: Marco Denic, Stephen Hahn

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