Die Dauercamper von Lackenhäuser (Teil 2)

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01.01.2017
Neureichenau, Lackenhäuser
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Sie lieben das Leben auf dem Campingplatz, die Natur, die Freiheit. Immer mehr Menschen halten sich die meiste Zeit des Jahres, manche auch immer dort auf. So auch die Dauercamper von Lackenhäuser. Stephen Hahn hat sie für seine Recherchen zwischen September und Ende Dezember 2016 mehrmals besucht. Einige gewährten ihm dabei spannende Einblicke in ein Leben abseits der bürgerlichen Normalität oder eben mittendrin. Lesen Sie seine zweiteilige Reportage zum Jahreswechsel auf WAIDLER.COM.

 

Der Knaus Campingpark in Lackenhäuser bietet seinen Gästen ein vielseitiges Programm. Friseur, Restaurant und Supermarkt bilden dabei nur das Pflichtprogramm. Darüber hinaus ein Hallenbad, verschiedene Saunen, Kneippanlage und Massagepraxis, ein Naturschwimmbad mit Quellwasser, eine Minigolfanlage. Der Einstieg in die Langlaufloipe erfolgt direkt am Park, man hat einen eigenen Berglandlift und Skiverleih. Und sonntags besucht, wer will, den ökumenischen Gottesdient in der Kirche auf dem weitreichenden Gelände. 19 Hektar - der Campingpark wirkt wie ein eigenes Dorf im Dorf.

 

 

"Das letzte Kind trägt Fell", weiß Jürgen Salomon, und meint damit die Hunde, die von immer mehr Campern mitgebracht werden. "Früher kam zuerst eine Blondine aus dem Wohnmobil, heute ist es ein Hund", fährt Salomon fort. Mit seiner Frau Renate verbringt der Rentner etwa die Hälfte des Jahres auf dem Campingplatz in Lackenhäuser. Im Juni fahren sie zusätzlich vier Wochen nach Kroatien, natürlich mit ihrem Wohnwagen. "Auf dem Campingplatz bekommt man das pure Leben mit, von früh bis abends. Das ist offizielles Beobachten, nicht hinter der Gardine", berichtet das Ehepaar. Das ganze Jahr wollen die beiden Oberpfälzer aber nicht auf dem Campingplatz verbringen, denn das sei schließlich "Wohnen für Arme". Sie sind stolz auf ihren Fendt Topas, der 30.000 € gekostet hat, ohne Zubehör versteht sich. Es ist ihr fünfter Wohnwagen. Natürlich darf die Klimaanlage nicht fehlen, die SAT-Schüssel und das automatische Aufstellsystem, das den Wohnwagen am Stellplatz nivelliert. In der Horizontalen schläft es sich schließlich besser. Camping ist ihre Leidenschaft seit 16 Jahren, vorher haben sie die ganze Welt bereist. Für die Salomons liegen die Vorteile auf der Hand: Natur, Freiheit, Ruhe, keine Zwänge oder Regularien wie Halb- oder Vollpension. Sie wandern viel, erfahren die Landschaft mit ihren E-Bikes, im Winter gehen sie Langlaufen. Sie schätzen die Qualität und Originalität im benachbarten Gut Riedelsbach: "Der Sitter schlachtet selbst". Oft kommen ihre Kinder mit den Enkeln auf Besuch.

Renate und Jürgen Salomon genießen die Unkompliziertheit des Campens.

 

Wolfgang von Briel, der Camp-Manager, begleitet mich am Waldspielplatz vorbei hinunter zum Schwalbensee. „Bei uns merken die Kinder erst wieder, wie erfüllend das Spielen in der Natur sein kann. Auf unserem Waldspielplatz haben sie Smartphone und Tablet schnell vergessen. Sie fühlen sich in der realen Welt wohler als in der virtuellen“, weiß von Briel. Aber auch die erwachsenen Camper wissen die Vorzüge zu schätzen. Beim Angeln am Schwalbensee kommt man ganz schnell runter. Idyllisch liegt er im Wald eingebettet, früher gab es hier sogar eine Seebühne.

 

Nur einige hundert Meter weiter trifft man im Kleintiergehege auf hungrige Ziegen. Nebenan entsteht ein Bauerngarten mit Obstbäumen, Sträuchern, Gemüse- und Kräuterpflanzen. Die Camper sollen und können hier mitwerkeln, ihren grünen Daumen ausleben. Das steht hier für aktive Erholung. Solidarische Landwirtschaft auf dem Campingplatz.

 

Der Campingvirus infizierte Klaus Lind bereits im Alter von drei Jahren, als er das erste Mal mit den Eltern im Urlaub war. Als er 1973 seine Elke heiratete, konnten sie sich keinen Urlaub leisten. So verbrachten sie 11 Jahre später ein paar aufregende Tage im Zelt in Italien. In Rothenburg ob der Tauber hatten sie dann einen nicht zugelassenen Wohnwagen stehen, der ihnen das Leben an den Wochenenden versüßte. 1989 unternahmen sie mit einem neuen Gefährt ihre erste Tour nach Italien. Ab da war von Mitte Mai bis Mitte Juni immer Urlaubszeit auf dem Campingplatz angesagt. Und irgendwann wollten sie auch im Winter nicht mehr auf ihr Hobby verzichten. Zunächst ging es ins Fichtelgebirge, später kam es zur ersten Begegnung mit dem Bayerischen Wald. Man mietete einen Halbjahresstellplatz, von Oktober bis März, auf dem Campingplatz Klingenbrunn. Hier fand man schnell Freunde, die der gleichen Leidenschaft frönten. 1994 machte man sich gemeinsam auf zu einer Bayerwaldtour, auf die Suche nach einem neuen Platz. Schließlich entschied man sich für den Knaus Campingpark in Lackenhäuser. Hier parkte man seitdem den Wohnwagen im Winterhalbjahr, im Sommer verschlug es die Linds weiterhin gen Italien. Als es ihnen dann 1998 zu viel wurde, entschied man sich für einen Ganzjahresstellplatz. Nun verbringen die Linds, seitdem sie Rentner sind, mehr als 50 Prozent ihrer Zeit auf dem Campingplatz, zu jeder Jahreszeit. Die kurze An- und Abreise zur Wohnung in Freyung tut ihr Übriges.

Ist begeisterter Bogenschütze: Klaus Lind.

 

Ein Campingplatz ist natürlich nicht zwingend ein Ort von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. So mancher fühlt sich freier und gleicher als andere. Menschen bleiben Menschen - ob auf dem Campingplatz, in der Reihenhaussiedlung oder in der Schrebergartenanlage. Das eigene Wohlbefinden steht – wie so oft - über allem. Die angemietete Parzelle ist für so manchen Camper gleichbedeutend mit eigenem Grundbesitz. So mancher grenzt sich mehr ab als er sich integriert, ist eher Einzelgänger. Auf dem Campingplatz findet sich das ganze Spektrum der menschlichen Verhaltensweisen. Alles andere wäre auch seltsam.

 

 

Elke und Klaus Lind haben in den letzten Tagen vor Heiligabend einen Weihnachtsmarkt bei einer Husky-Farm in der näheren Umgebung besucht. Ansonsten haben sie kleine Spaziergänge im Campingpark unternommen. Elke Lind leidet immer noch an den Folgen eines Venenverschlusses im rechten Unterschenkel. Recht viel weiter als bis zum zentralen Platz des Geländes hat sie es nicht geschafft. Bald steht wohl bald der nächste Arztbesuch an. Zum besinnlichen Wohlempfinden und zur Geselligkeit braucht es aber keinen längeren Weg. Am Heiligabend kommt am frühen Nachmittag das Christkind mit der Kutsche im Campingpark angefahren, die Camper lassen es sich bei Punsch und Stollen gut gehen.

Abends gibt es bei Elke und Klaus Lind wie üblich Würschtl mit Kartoffelsalat. Am zweiten Weihnachtsfeiertag machen sie einen Abstecher nach Passau. Dort holen sie am Bahnhof ihren holländischen Platznachbarn Kaes und dessen Tochter Lotta ab. An Silvester rocken die Linds die Kellerbar am Platz. Sie sind von 21 bis 2 Uhr morgens als Barkeeper engagiert, mixen Drinks. Ein DJ der Lackenhäuser Campingfamilie sorgt mit der richtigen Mucke für Stimmung.

 

Um Mitternacht geht es wie jedes Jahr raus auf den Parkplatz. Das obligatorische Feuerwerk begrüßt das neue Jahr der Dauercamper von Lackenhäuser und von all denjenigen, die nur während der Ferien den Weg ins beschauliche Dreiländereck im Bayerischen Wald gefunden haben. Die meisten von ihnen werden wiederkommen und viele davon immer länger bleiben.



Quellenangaben

Fotos: Stephen Hahn

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