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04.02.2022
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"Wobei, wenn’s Schnitzel essen geht’s ja eh" Tom Graf spricht über kaum nachvollziehbare Corona-Regeln für Künstler

Vor einigen Tagen erst hatte die Politik in München es noch als große Erleichterung für die Kulturszene in Bayern gefeiert – statt bisher 25 Prozent dürfen es nun wieder 50 Prozent Auslastung bei Konzerten und Veranstaltungen sein. Die 2G+ Regel bleibt unverändert. Doch reicht das für die Künster? Und – warum kann die Gastronomie weiter mit 2G arbeiten, obwohl Kultur und Gastro doch oft so eng miteinander verflochten sind? Sänger und Gitarrist Tom Graf vom bekannten Musik-Kabarett-Duo „Tom & Basti“ spricht im WAIDLER.COM-Interview Klartext:


WAIDLER.COM:

Nach zwei Monaten habt du und Basti am vergangenen Wochenende wieder eure ersten Konzerte geben können – Freitag und Samstag – mit 50 Prozent Auslastung. Wie war’s für euch?


Tom Graf:

Es war lange in der Schwebe gestanden, ob wir überhaupt in der Aumonte Stub´n in Aunkirchen spielen können. Ursprünglich war geplant gewesen nur ein Konzert – also am Samstag - zu geben. Erst war lange unklar ob wir überhaupt auftreten können. Dann kam die 25 Prozent-Regel und wir haben im Vorverkauf mit 50 Karten aufhören müssen, bei einem Saal, in den normal 200 Leute reingehen. Dann haben wir entschieden, den Freitag auch noch dazu zu nehmen. Und dann stehst halt da, mit zwei Terminen, die du normal locker auf einen einzigen spielen könntest. Es gab drei, vier Wochen davor auch immer wieder die Versprechen - ja, ja es gibt dann schon bald Lockerungen und nur drei Tage vor den Konzerten kam die Regelung mit 50 Prozent. Gott sei Dank haben wir dann tatsächlich noch ein paar Karten verkaufen können und haben jetzt vor jeweils 80 Leuten gespielt, was eh wahnsinnig gut ist im Moment. Aber es war ein ganz schönes hin und her halt im Vorfeld.


WAIDLER.COM:

Also ein paar mehr Zuschauer als vorher. 2G+ gilt aber weiterhin?

 

Tom Graf:

Ja, ja. 2G+ gilt weiterhin und auch Maskenpflicht am Sitzplatz. Wobei es da anscheinend eine gewisse „Grauzone“ zu geben scheint. Ich will mich da nicht aus dem Fenster lehnen – Aber ich hab gehört, dass wenn Tische aufgestellt werden und die Leute während dem Konzert Essen bekommen, dann soll die Maskenpflicht nicht mehr gelten. Und da sind wir schon beim ersten Widerspruch, der in die Köpfe der Leute nicht mehr reinpasst - und in unsere sowieso schon nicht mehr. Weil, wenn ich im gleichen Saal 200 Leute Schnitzel essen lasse, gilt 2G. Und wenn eine Musi drinnen spiel, dann hab ich plötzlich 2G+, 50 Prozent Auslastung und Maskenpflicht. Also ich weiß auch nicht…

Ich hab jetzt auch erst gelesen von einem Münchner Varieté-Theater, die haben immer Gastro für die Besucher dazu und der hat steif und fest behauptet, dass die Regeln für ihn nicht gelten. Weil, der verkauft zwar auch Eintrittskarten für die Show, aber die wird begleitet von einem Essen.

Naja, des kannst dir jetzt aussuchen – Wenn’s is, zahl ich gerne jedem einen Schweinsbraten!

Das ist halt einfach ein Wahnsinn. Genau wie im Kino – Solange ich mein Popcorn esse kann ich die Maske unten haben – Naja, dann kann ich es eigentlich gleich bleiben lassen. Weil, dann esse ich halt den ganzen Film über Popcorn… also theoretisch.

 

 

Tom & Basti

Tom Graf (Vordergrund) hält nicht alle geltenden Corona-Regeln
für sinnvoll und fordert klarere Perspektiven von der Politik
 

WAIDLER.COM:

2G+ bei Konzerten heißt ja konkret: Ich muss als Besucher/in entweder geboostert, also dreifach geimpft sein - oder ich muss als zweifach Geimpfte/r vorher einen Test machen. Aber – ganz ehrlich – wer nimmt solche Hürden auf sich?


Tom Graf:

Wir haben es jetzt Freitag und Samstag auch gesehen. Da war kein einziger dabei, der vorher einen Test gemacht hat. Das waren nur geboosterte – weil das zählt ja als 2G+. Aber, dass jetzt da ein zweifach geimpfter einen Test macht, das passiert halt einfach nicht, aus.

Ich mein, für uns ist das alles sowieso eine müßige Diskussion, weil die ganzen Termine im Dezember und Januar entweder verschoben oder abgesagt worden sind. Weil jeder Veranstalter gesagt hat, das können wir nicht machen mit 25 Prozent Auslastung. Das rentiert sich nicht. Und für die Künstler auch nicht – Wir müssen uns die Eintrittsgelder ja auch mit dem Veranstalter teilen und wir müssen den Techniker bezahlen. Und viele Veranstalter sparen sich dann auch oft noch die Kosten für die Werbung. Dann kann es dir im schlimmsten Fall passieren, dass du nicht einmal die 25 Prozent der Plätze voll bekommst. Und auch die 50 Prozent - die wir jetzt haben - reichen für die meisten nicht zum überleben.


WAIDLER.COM:

Was ist für euch – außer der begrenzten Zuschauerzahlen - die größte Schwierigkeit im Moment?

 

Tom Graf:

Das größte Problem ist im Moment, dass du eigentlich nichts planen kannst. Ich mein, wir sind mit unseren Planungen im Normalfall schon ein- bis eineinhalb Jahre im Voraus dran und entsprechend auch mit dem Vorverkauf. Aber kein Mensch kauft sich jetzt Konzertkarten für - zum Beispiel Dezember. Entsprechend katastrophal sind unsere Vorverkaufszahlen halt auch. Oder, grad auch was das Weihnachtsgeschäft angeht - ist für uns normal super - weil Konzertkarten verschenkt man halt auch gerne. De facto haben wir letztes Jahr keine einzige verkauft.

Im Sommer wird es wahrscheinlich wieder mehr Konzerte für uns geben – Wahrscheinlich auch wieder viel Open Air. Aber da bist du auch wieder ganz stark vom Wetter abhängig. Letztes Jahr mussten wir bei einem Auftritt sogar zweimal unterbrechen, weil es gehagelt hat… das ist für die Leute dann natürlich auch ein Wahnsinn. Und für uns als Kabarett ist es auch nicht unbedingt ein optimaler Rahmen, wenn du auf einem Platz wo normalerweise 2.000 Leute Platz hätten - wegen der Abstandsregeln - nur 100 sitzen...

Da ist die Stimmung natürlich nicht so, als wenn 80 oder 90 Leute im Wirtshaus sitzen.


WAIDLER.COM:

Wie war es dann für euch jetzt am Wochenende vor 80 Leuten in einem Saal für 200 zu spielen?


Tom Graf:

Das war überraschend gut, ehrlich gesagt. Weil, man hat schon gemerkt, die Leute wollten wieder raus, die wollten einen unbeschwerten Abend haben, die wollten wieder mal lachen. Und es sind auch danach viele zu mir gekommen und haben gesagt – mei, das hat jetzt aber gut getan. Gut - es wär natürlich schon besser, wenn 200 Leute drin sitzen. Aber das geht halt jetzt grad einmal nicht - das seh ich auch ein.

Wobei, wenn’s Schnitzel essen geht’s ja eh…


WAIDLER.COM:

Tom, was wünscht du dir konkret von der Politik im Moment?


Tom Graf:

Ich wünsch mir einfach mehr Gleichbehandlung – also ich will auf keinen Fall gegen die Gastro schimpfen, die Wirte können ja auch nichts dafür. Aber wenn wir im Wirtshaus mit nur 50 Prozent Auslastung, 2G+ und Maskenpflicht am Platz spielen und in der Gaststube daneben 2G ohne Plus und keine Maskenpflicht am Platz gilt. Ich mein, das kannst ja keinem normal denkenden Menschen mehr verkaufen.

Außerdem hat unsere bayerische Staatsregierung das Infektionsgeschehen bei Konzerten ja sogar wissenschaftlich untersuchen lassen. Da hat es eine Erosol-Studie gegeben, mit eindeutigen Ergebnissen, dass die Gefahr sich mit Corona anzustecken bei Konzerten nicht hoch – sondern sogar geringer ist. Aber das hat man in München offenbar schon wieder vergessen… und vielleicht hat die Kultur einfach keine so große Lobby, wie andere Branchen.


WAIDLER.COM:

Jetzt hat die Politik ja schon einen Lockerungs-Schritt gemacht, mit den 50 Prozent. Wie glaubst du, geht das in diesem Jahr weiter?

 

Tom Graf:

Ich geh jetzt mal schwer davon aus, dass es ein wenig leichter wird, weil man siehts ja in anderen Ländern schon. Ich glaub, dass die „Unseren“ da schon auch nachziehen müssen, weil es ist ja auch de facto so, dass die Krankenhaus- und Todeszahlen im Moment - Gott sei Dank - nicht mit den Infektionszahlen mitsteigen.

Und irgendwann ist jetzt auch mal der Punkt erreicht, an dem die Leute sagen: Ja, jetzt sind wir dreimal geimpft und irgendwie müssen wir ansatzweise wieder zur Normalität zurück, wenn die Krankenhäuser nicht überlastet sind und wenn an Omikron nicht mehr so viele Leute sterben und ins Krankenhaus müssen. Die Argumentation versteh ich natürlich auch. Und wenn ich nach Österreich schaue, die haben eine Inzidenz von über 2.000 und lockern jetzt – ob das sinnvoll ist, sei dahin gestellt. Aber es halt Fakt, dass die Krankenhauszahlen nicht nach oben gehen.


WAIDLER.COM:

Euer aktuelles Programm heißt ja „Zeitlang“ – Wars euch in der Pandemie jetzt wirklich so oft „Zeitlang“?

 

Tom Graf:

Ja, Zeitlang hatten wir schon – Mit Corona hat die CD aber nichts zu tun. Wir haben versucht wirklich bewusst auf das Thema zu verzichten, was gar nicht so einfach war. Mei, man merkt es vielleicht in dem ein oder anderen melancholischeren Lied, wie man es von uns vielleicht nicht so gewohnt ist. Aber thematisch spielt Corona keine Rolle. Wir haben uns nämlich gesagt, wenn das Ganze mal vorbei ist, dann will das auch keiner mehr hören und dann wollen auch wir nicht mehr darüber reden. Weil – es bestimmt ja sowieso im Moment unseren ganzen Alltag. Mit jedem kommst du zwangsweise auf das Thema…


WAIDLER.COM:

Wie geht es für dich und Basti jetzt die nächsten Wochen und Monate mit der Tour weiter – soweit man das jetzt schon sagen kann?


Tom Graf:

Also wir haben jetzt noch eine handvoll Konzerte die übrig geblieben sind für Februar und März. Wo wir jetzt natürlich hoffen, dass die mit der 50 Prozent-Regel auch laufen, aber da schaut es zum Glück schon ganz gut aus. Es wär halt gut, wenn man von der Politik jetzt dann einen klaren Ausblick bekommt, wo es heißt: Ok, ab März gibts dann 75 Prozent, also dieser Stufenplan den andere Länder auch schon machen, der wäre für uns extrem wichtig, das würde uns zumindest mal etwas Planungssicherheit geben. Aber ansonsten bin ich eigentlich relativ optimistisch, weil ich davon ausgehe, dass wir ab April/Mai wieder ganz vernünftig spielen können – Im Sommer dann halt wahrscheinlich auch wieder viel im Freien. Es ist nur wichtig, dass die Leute dann auch zu den Kulturveranstaltungen hingehen – sonst haben wir auch nichts davon – Aber auch da bin ich ganz optimistisch.


- JR


Tom und BastiMauth
Serie: Heimat-MusikMusiker und Bands aus der Region

Quellenangaben

Autorin: Julia Reihofer
Bilder: Martin Waldbauer

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