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16.06.2021
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Die Karoli-Kapelle

Viele kleine Kapellen an Wegesrändern oder bei alten Bauernhöfen zeugen von einer tiefgläubigen Vergangenheit im Bayerischen Wald. Mittlerweile sind diese Kleinode oft menschenleer, kaum ein Spaziergänger verirrt sich hinein, oder sie werden gar abgeschlossen und so vor möglichen Schandtätern geschützt. Diese kleinen Andachtsräume laden aber nicht nur zu frommen Gebeten ein, sondern bieten in ruhiger Atmosphäre einen ganz besonderen Ort zum in sich gehen und zeigen oftmals in ihren Kunstgegenständen das frühere Leben der Region. Dementsprechend gibt es keine „Prachtbauten“, die es mit denen aus alten Residenzstädten aufnehmen könnten, aber sie sind auf ihre Weise stets ein Abbild ihrer Zeit und die Einflüsse des Handelsweges „Goldener Steig“ hinterließen auch hier ihre Spuren.

Die lose Kapellen-Serie soll dennoch mit einer der wohl prunkvollsten beginnen: Die Karoli-Kapelle in Waldkirchen.

Bereits 1663 wurde „auf dem Schulerberg“ vom Waldkirchner Handelsmann Bernhard Linus dem ebenfalls aus Mailand stammenden Hl. Karl (lat. Carolus) Barromäus (1538–1584) eine Kapelle errichtet, die dem Berg bis heute seinen Namen gibt. Barromäus gehörte zu den Reform-Bischöfen des Konzils von Trient und setzte sich in außerordentlicher Weise für die Pestkranken in Oberitalien ein. Dass in der Mitte des 17. Jahrhunderts gerade diesem Heiligen eine Kapelle errichtet wird, entspricht der tief in den Knochen sitzenden Angst vor diesem unberechenbaren Schwarzen Tod. So entstand auch die prunkvolle Wiener Karlskirche, die dem Hl. Borromäus als Dank zur überstandenen Pest erbaut wurde.

Lindenallee zur Karoli-KapelleLindenallee zur Karoli-Kapelle


Wer sich heute auf den Weg zur Karoli-Kapelle macht, wandert unter jahrhundertealten Linden zur Anhöhe hinauf, die als Naturdenkmal unter dem Schutz des Landratsamtes stehen. Doch auch hier nagt bereits der Zahn der Zeit und die ersten imposanten Bäume mussten aus Sicherheitsgründen dem Nachwuchs weichen. Vermutlich entstand diese Allee im Zuge der Renovierung und Umgestaltung der Kapelle 1756/57. Bis heute hat sich die Veränderung im Stil des Rokokos durch den baufreudigen Dekan Johann Anton Karl Loraghi (1710–1782) erhalten. Die Eingangsfassade sollte schließlich „nicht einer alten Scheune gleichen.“ Der Anbau einer Sakristei und eines Glockenturms geht wohl auch darauf zurück, dass seit 1674 bei Bedarf die Heilige Messe gefeiert werden durfte – sofern ein konsekrierter Tragaltar von der Pfarrkirche hinaufgeschafft wurde. Spätestens beim großen Marktbrand von 1782 war man sicher froh über diesen Weitblick, denn nach der Zerstörung der Kirche diente die Karoli-Kapelle den Waldkirchnern als Notkirche.

Schon die Außenfassade erinnert in seiner weiß-gelben (=silber-goldenen) Gestaltung eher an die imperialen Ursymbole des Vatikans als an eine ländliche Kapelle. Beim Eintreten wird man förmlich überrascht von der Innengestaltung: Der Hochaltar als Zentrum des liturgischen Handelns beherrscht in filigraner Weise den Raum und scheint fast schrankenlos in das Deckenfresco überzugehen.

 

Hochaltar mit Deckenfresko
Hochaltar mit Deckenfresko


Wie vom Bauherrn gewollt, versetzt die Kapelle den Betrachter noch heute ins Staunen. Loraghis Wappen prangt in üblicher Weise über dem Altarbild, das den Hl. Barromäus bei den Pestkranken zeigt. Fast schwebend umgeben die vier Heiligenfiguren von Laurentius, Maximilian, Ambrosius und Nikolaus den Hochaltar. Der Salzburger Maler Johann Siler präsentiert den Heiligen, wie er in Kardinalskleidung die Hl. Kommunion an Pestkranke verteilt. Doch nicht etwa mit einem der damals üblichen langen Löffel (Pestlöffel) zum eigenen Schutz, sondern in aller Nähe zur Erkrankten und doch wohl beschirmt und behütet durch die ihn umgebenen Putti, die den Blick zum Deckenfresko lenken. In dieser himmlischen Darstellung ist auch der Markt Waldkirchen in der wohl zweitältesten Ansicht wiedergegeben. Das offene Tor der Ringmauer lädt ein zum Eintreten nach Waldkirchen, das gleichsam am Fuße der göttlichen Herrlichkeit von drei wachsamen Engeln beobachtet wird.

DeckenfreskoDeckenfresko


Die Darstellungen in der Chorkuppel waren für die Gläubigen von den Sitzbänken aus schwer erkennbar, doch auch dem Volk wurden Deckenmalereien zum Bestaunen und Sinnieren geschaffen. Begebenheiten aus dem Leben des Patrons, Allegorien auf seine Tugenden und darüber hinaus ein durch Engel und leichte Wolken verstellter Blick in die ewigen Weiten des Himmels. Auch hier steht der Kardinal und Patron Borromäus im Mittelpunkt, umgeben von Alten, Armen, Kranken, Frauen und Kindern. Wer sich genau umsieht, kann auch ein subtiles Abbild des Dekans Loraghi und seines Vetters, dem Kaplan Donatus de Allio, erkennen.

In liebevoller Klein- und Kleinstarbeit wird das Schmuckstück gepflegt. Trotz der ständigen Negativschlagzeilen um die katholische Kirche hat sich in Waldkirchen ein harter Kern aus der 150-jährigen Tradition der „Emmausjünger“ erhalten. Über den traditionellen Emmausgang, der nur coronabedingt die vergangenen beiden Male ausfallen musste und selbst im Weltkrieg stattfand, kümmern sich diese Männer um den Erhalt und Unterhalt der Karoli-Kapelle. So sorgt sich Karl Saxinger um die Geschichte und Erhaltung des Wissens um diese Kapelle. Der Kirchenpfleger Manfred Heidl legte mit einer Schar freiwilliger Helfer bei der umfangreichen Sanierung 2000/01 selbst Hand an. Das handwerkliche Geschick von Josef Saiko ist in großem Maße mitverantwortlich für die kleinen Reparaturen, die sich im Laufe der Zeit aufdrängen und so manche Sanierungskosten wurden aus der eigenen Tasche beglichen. Nicht nur Hochzeitspaare freuen sich über dieses gut erhaltene Kirchlein, sondern auch hiesige und auswärtige Besucher, doch der Opferstock zur Erhaltung am Eingangstor bleibt meist leer. Beim Austreten erinnert eine 1908 von Johann Schwemmer gemalte und aufwendig restaurierte Tafel an die Emmausgänger. Ein letzter Blick zum Glockenturm zeigt nicht ein oft auf Kirchendächern übliches Kreuz, sondern ein Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes, die uns in der nächsten Kapelle wieder begegnen wird.

Tafel Emmausjünger am EingangTafel Emmausjünger am Eingang


Bauernregel: „Wenn´s an Karolus (4. November) stürmt und schneit, dann lege deinen Pelz bereit.“


- CS


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