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25.09.2018
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Regionales Handwerk: Oliver Belik, Uhrmachermeister

Er ist Uhrmachermeister, Restaurator und Professor für Maschinenbau in China. Oliver Belik fertigt und restauriert wahre Kostbarkeiten – mechanische Uhren. Er ist ein hoch geachteter Spezialist und Fachmann auf diesem Gebiet, auch als öffentlich vereidigter und bestellter Sachverständiger und Gutachter für Gerichte, Finanzämter und Polizei tätig. Das persönliche Juwel haben er und seine Familie vor kurzem in einem alten Bauernhaus in Fürholz gefunden. Dort betreibt er nun auch seine Uhrmacherwerkstatt, wie er im Interview mit WAIDLER.COM berichtet.

 

 

Herr Belik, als selbstständiger Uhrmachermeister, wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

In meiner Uhrmacherwerkstatt habe ich mich in den letzten 15 Jahren auf die kundenspezifische Anfertigung und die Restaurierung mechanischer Uhren spezialisiert. Mechanische Uhr bezieht sich dabei auf die Armbanduhr über die Wanduhr, die Standuhr bis zur Kirchturmuhr. Ich fertige alle Teile selbst. Ausnahmen wie das Uhrenglas, Rubine, Lager oder Spiralen bestätigen die Regel. Diese werden aus meinem Lager für historische Ersatzteile entnommen oder nach meinen Spezifikationen neu angefertigt.

 Uhrmachermeister in Fürholz und Professor für Maschinenbau in China: Oliver Belik

 

 

Dann lassen Sie uns konkreter werden. Welche Teile fertigen Sie selbst, welche Funktionen übernehmen diese in einem Uhrwerk?

Alle aus Metall bestehenden Teile werden von mir angefertigt, von Rädern über Federn, Gehäuseteilen bis hin zu Goldzeigern. Da ist beispielsweise das Federhaus. Dessen Aufgabe ist es, die Ursprungsenergie an das Räderwerk und die Unruh, den Taktgeber, weiterzugeben. Die Zahnräder müssen in einem bestimmten Übersetzungsverhältnis gefertigt werden. Sie leiten die Kraft vom Federhaus weiter zur Hemmung, die den Impuls wiederum zur Unruh weitergibt. Der Taktgeber schwingt in einer bestimmten Frequenz. Er teilt das Übersetzungsverhältnis in Echtzeit ein.

 Schwere Gold Savonet Taschenuhr 1896 mit Chronographen und Minutenschlagwerksfunktion

 

 

Was ist das Besondere an der Restaurierung von mechanischen Uhren?

Bis zum Ende des 18 Jahrhunderts, ungefähr 1780 und damit zu Beginn der Industrialisierung, waren Uhren in der Regel Unikate. Uhren wurden als Einzelstücke oder in sehr kleinen Serien gefertigt, was wiederum bedeutet, dass man sich bei älteren Uhren oder besser bei antiken Uhren in den Kopf des Entwicklers / Machers und des jeweiligen Entwicklungsstandes der Zeit / Region hineinversetzen muss. Das bedeutet, Werkzeuge und Handwerksfähigkeiten sowie nach Möglichkeit auch das Werkzeug der Zeit und Region zu verwenden, um eine auch nach wissenschaftlichen Kriterien sinnvolle Restaurierung zu machen. Ich besitze beispielsweise eine Zenith-Uhr, eine alte Tischuhr. Diese verfügt über eine Spardosenfunktion. Das Zählwerk kann man nicht so ohne Weiteres auseinandernehmen. Da sind Platinen mit Bajonettverschlüssen verbunden, da muss man erst mal in Werksverzeichnissen recherchieren, bevor man sich an die Arbeit macht. Ich will traditionelle Techniken anwenden, auch was die Edelmetall-, Edelstein- und Emaille-Verarbeitung betrifft. Ich sammle altes Werkzeug und setze es in meinem Handwerk ein.

 Gehäuse einer Tischuhr von Anton Zagelmann 1722, Bischöflicher Uhrmacher zu Freising.

 

 

Welche Teile dieser Uhren beanspruchen Ihre Aufmerksamkeit?

Ich restauriere alle mechanischen Uhren, von der Armbanduhr bis zur Kirchturmuhr. Hierbei muss noch erwähnt werden, dass in letzter Zeit auch immer mehr die Restaurierung von Quarzuhren aus den frühen 1970er Jahren nachgefragt wird. Im Prinzip betrifft die Restaurierung die Bereiche Kraftquelle, Übersetzung, Hemmung, Taktgeber (Unruh) sowie das Zeigerwerk. Mein Credo lautet, diese Pretiosen so wiederherzustellen, wie sie ursprünglich gedacht waren. Das betrifft eben auch eine vollständige Dokumentation, die Materialrecherche und -kunde, die Handfertigung von Platinen und Schrauben. Dazu bedarf es des entsprechenden Werkzeugs, denn eine englische Standuhr etwa verfügt nicht über ein metrisches Gewinde.

 Tischuhrwerk von Andreas Lehner, Hofuhrmacher bei Kurfürst Karl Albrecht von Bayern 1730, 4/4 Schlagwerk mit Scherenpendel.

 

 

Gibt es eine Art Rezept, wie mechanische Uhren länger am Laufen bleiben?

Früher hat man die Uhrwerke mit organischen Ölen geschmiert. Daraufhin sind sie nach einer gewissen Zeit verharzt und stehengeblieben. Heute setzt man synthetische Öle ein mit einer sehr langen Schmierfunktion. Jetzt laufen die Uhrwerke aber zu lange. Das sind Präzisionswerkzeuge, die laufen an 24 Stunden an 365 Tagen. Das ist, wie wenn sie ein Auto permanent ohne Ölwechsel fahren. Deshalb rate ich, alle 5 bis 10 Jahre zu einer Reinigung, um Beschädigungen am Uhrwerk zu vermeiden. Ich habe in meiner Werkstatt eine Uhr, die ist über 400 Jahre alt und läuft wie am ersten Tag.

 Sechseckige Dosenuhr mit Spindelgang, Kette und Schnecke, 1/4 Schlagwerk und Datumsanzeige, Augsburg um 1625.

 

 

Woher kommen Ihre Kunden?

Die kommen aus der ganzen Welt. Und zwar vor allem deshalb, weil ich Teile selbst anfertigen kann. Das ist mein Alleinstellungsmerkmal. Entweder die Kunden bringen ihre Uhren zu mir in die Werkstatt oder ich fahre direkt zu ihnen, nach Italien oder sonst wohin. Vor Ort untersuche ich das meist wertvolle Stück und repariere es. Wenn das nicht möglich ist, nehme ich es mit zu mir in die Werkstatt.

 Ausschnitt des teilgereinigten Ziffernblattes der Zagelmann Uhr.

 

 

Wie sind Sie zur Uhrmacherei gekommen?

Nach meinem Studium im Schwarzwald bin ich nach Wien gezogen und wollte dort die Restaurierung von Metallen weiterstudieren. Schließlich habe ich mich dort jedoch an der Meisterschule für Uhrmacher beworben und diese nach einem Jahr erfolgreich und mit Auszeichnung abgeschlossen. Dort habe ich vor allem die handwerklichen Fähigkeiten wie Feilen, Drehen, Fräsen oder Hobeln neu erlernt. Im technischen Bereich haben mir meine Vorkenntnisse aus dem Studium geholfen. Während der Meisterschule habe ich mich schon auf die Bereiche Fertigung und Restaurierung spezialisiert. Meine erste Berufsstation war dann das Uhrenmuseum in Wien. Danach war ich als Werkleiter bei ChronoSwiss in München tätig, bevor ich mich 2003 selbstständig machte. Und jetzt lebe ich mit der Familie im Bayerischen Wald, betreibe meine Uhrmacherwerkstatt in Fürholz. Im Frühjahr und Herbst verbringe ich jeweils einige Wochen in Qingdao in der Provinz Shandong / China. An der Univesity of Science and Technology Qingdao lehre ich als Professor Maschinenbau. Sie ist eine Partneruniversität der TU Karlsruhe und TU Paderborn.

 

Vielen Dank für das Gespräch.


- sh


Oliver Belik - UhrmachermeisterGrainet

Quellenangaben

Fotos: Oliver Belik, Stephen Hahn
Text: Dr. Stephen Hahn



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