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08.05.2018
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Regionale Kunst und Handwerk: Andreas A. Reichelt, Schriftsteller

In seinem aktuellen Roman ‚Brezensalzer‘ erlebt der schrullige Tollpatsch aus Pfarrkirchen ein weiteres humorvolles Abenteuer. Der Roman bildet den Abschluss einer Trilogie. Doch Schriftsteller Andreas Artur Reichelt zieht es bereits weiter. Sein neuer Roman ‚Übelst‘, eine Komödie in drei Akten, spielt in Frankfurt und wird im Sommer veröffentlicht. Im Interview mit WAIDLER.COM spricht der Autor über seine Passion zur Literatur und zur Lehre.

 

Wie und wann kamen Sie zum Schreiben? Woher stammt die Vorliebe für die Literatur?

Im Jahr 2009 fasste ich den Entschluss, einen Roman zu schreiben, der im Kurmilieu spielen sollte. Bevor ich damit anfing, kaufte ich mir Fachliteratur zum Thema »kreatives Schreiben« und studierte diese regelrecht durch. Ich markierte Relevantes, machte alle Übungen, las das Quellenmaterial und erwarb mir so systematisch eine Grundlage, um mit der schriftstellerischen Tätigkeit beginnen zu können. Schon früh nahm ich mit einer Lektorin, Bianca Weirauch, Kontakt auf und bekam wertvolle Hinweise von ihr. Mit viel Lob motivierte sie mich, weiterzumachen. 2015 erschien dann mein Erstlingswerk »Saisonabsch(l)uss«, ein Roman, der mehrere Auszeichnungen bekam, u. a. wurde er von Radio Planet Berlin mit dem Planet Award als »Buch des Jahres 2016« prämiert.
Grundsätzlich stamme ich aus einer Künstlerfamilie. Mein Vater war Maler, mein Bruder malt, meine Schwester ist im Bereich Textildesign tätig. Ich schreibe und male.
Dass es in meinem Fall aber so sehr in Richtung Literatur geht, liegt wohl an meiner persönlichen Vorliebe für große Literaten – ich lese sehr gerne die Werke von Brecht, Böll, Hauptmann, Sartre und Camus.


Sie verzichten in Ihren Büchern bewusst auf Gewaltszenen, obwohl einzelne Romane als Krimi klassifiziert sind. Inwiefern spielt hier auch Ihr Hauptberuf als Masseur und Therapeut eine Rolle?
Zunächst: Mein erster Roman wurde zwar als Krimi klassifiziert, jedoch handelt es sich dabei ganz klar um einen humorvollen Roman. Genau genommen um eine Entwicklungsgeschichte. Für eine etwaige nächste Auflage haben wir diesbezüglich auch eine Reklassifizierung vereinbart. Alle weiteren Bände erschienen deshalb auch unter dem Label »Bayernkomödie«.
Aber natürlich haben Sie recht, in meinen Büchern gibt es keine explizite Gewalt, Morde oder etwa Sexszenen. Dahinter steht eine tiefe Überzeugung. Man kann heute doch kaum mehr das Fernsehgerät einschalten, ohne Gewaltszenen und Sexszenen präsentiert zu bekommen. Und viele Menschen finden das, wie ich auch, schrecklich. Das sagt man mir im Rahmen der Gespräche mit Patienten sehr oft.
So kam ich übrigens zum ersten Entwurf meines Romans. Eine ganze Reihe Patienten beschwerten sich bei mir wegen der aktuellen Literatur. Das Blut triefe nur so aus den Büchern, so wurde es oft formuliert. Da kam mir der Gedanke, unterhaltsame Literatur ohne Blut und Sex zu verfassen. Ohne, dass die Menschen wegen meinen Büchern abends eine zweite Blutdrucktablette brauchen.
Nach meinem Dafürhalten haben Sex und Gewalt in der Unterhaltung nichts verloren!
Dafür stehen alle meine Werke.


Lokalkolorit ist seit vielen Jahren in Romanen in Mode. Auch Sie nehmen immer wieder Bezug auf Ihre Heimat, das Rottal. Schränkt dieser regionale Themenbezug nicht das Zielpublikum ein?
Meine Romantrilogie ‚Saisonabschluss – Haderlump – Brezensalzer‘ spielt im Rottal. Der erste Band erscheint beim Wellhöfer Verlag Mannheim, die beiden neueren Exemplare beim Acabus Verlag in Hamburg. Mein allerneuestes Werk wird in Bremen verlegt ...
Ich wurde nach Leipzig und Frankfurt zu Buchmessen geladen. Die Auszeichnungen meiner Bücher stammen überwiegend aus Berlin. Es scheint gerade außerhalb Bayerns besonderes Interesse für meine Romane zu bestehen.
Übrigens wird mein im August erscheinender Roman mit dem Titel »Übelst« in Frankfurt spielen. Und es ist auch bereits eine Übersetzung geplant, so dass er, wenn alles glatt läuft, weltweit englischsprachig verfügbar sein wird.


Fällt es einem Schriftsteller schwer, sich in geographisch entfernte, fremde Orte zu versetzen? Ist das eine Frage der Fantasie?
Tatsächlich spielt einer meiner Jugendromane im antiken Babylon. Mein aktuelles Projekt ist ein Historienroman, der im 18. Jahrhundert spielt und die bayerische Volkserhebung von 1705 thematisiert. Dazu musste ich auch viele Handlungsorte bereisen, mich mit Historikern treffen und die restlichen Lücken mit viel Fantasie auffüllen. Das gehört zu den Aspekten, die mir am meisten Spaß bereiten. Allerdings liebe ich das Rottal sehr. Daher muss ich einfach ab und an mal was hier spielen lassen. Niederbayern ist sehr schön.

 

Sie haben sich der Novelle verschrieben? Was macht diese literarische Gattung für Sie so interessant?

Die Novelle behandelt per Definition eine kleine Neuigkeit. Sie handelt von einem unerhörten Ereignis, behandelt es linear, ohne die gesamte Geschichte zu erzählen und beinhaltet dabei ein Leitmotiv, eine Art Symbol, das die Thematik spiegelt. Außerdem werden die Figuren nicht detailliert eingeführt, sondern sie orientiert sich allein am Geschehenen. Daher ist sie meist kürzer als ein Roman.
In meiner Novelle »Ereigniskette« etwa habe ich meine Kindheit als Sohn eines gewalttätigen Alkoholikers verarbeitet. Darin kommt immer wieder Glas vor – zuerst der Alkoholkonsum aus Gläsern, später aus der Flasche, zuletzt in Form eines, im Rahmen eines Gewaltausbruchs, zerborstenen Wohnzimmertisches. Ein Symbol für den Verfall der Familie durch die Sucht des Vaters. Die Novelle ist meine liebste Textart.


Sie lehren Epik und Literatur an Schulen. Ist der klassische Deutschunterricht nicht (mehr) ausreichend?
Der Deutschunterricht in Bayern ist hervorragend aufgestellt. Das liegt u. a. auch daran, dass wir gerade in der Ausbildung von Deutschlehrern nach wie vor ein enorm hohes Niveau haben. Solche Germanisten haben auch ein literarisches Fachwissen, das nicht ergänzt werden muss. Wirklich nicht. Aber wenn es um das Thema Literatur geht, liefern Schriftsteller einfach einen anderen Blickwinkel. Wie gestaltet sich die Arbeit mit einem Verlag, einem Lektor, einem Grafiker? Wann entscheidet ein Autor, ob aus seiner »Fabel« (Handlungsidee) ein Roman oder nur eine Kurzgeschichte werden soll? Wie legt man fest, ob es in einer Szene besser regnet oder schneit? Wie passt man den Plot an, wenn man eine neue Idee zu einer Handlungsveränderung hat? Wie legt man eine Figurendatenbank an und erfindet möglichst stimmige Charaktere? Wie setzt man in der Praxis Kreativtechniken ein? Solche Fragen bearbeite ich in meinen Unterrichtseinheiten und Workshops mit den Schülern. Und dazu hat ein Schriftsteller einfach mehr zu sagen. Viele lustige und interessante Anekdoten, die den reinen Lernstoff plötzlich anschaulich und greifbar machen.

Wie ist die Resonanz?
Höchst erfreulich. Mehrmals habe ich im Nachgang erfahren, dass sich Schüler für ein Studium der Germanistik entschieden haben, weil sie auch Schriftsteller werden möchten. Sehr viele Schüler schreiben in ihrer Freizeit und bitten dann um Hilfe, wenn sie mit ihrem Manuskript nicht weiterkommen. Aber vor allem das Feedback während der Workshops ist Klasse. Wenn der Begeisterungsfunke überspringt, entsteht eine ganz eigene Dynamik. Die Theorie in der Praxis vermittelt zu bekommen gefällt den Schülern. Wir probieren dann auch gemeinsam Kreativmaßnahmen aus. Dabei sehe ich ganz viel Talent in manchem Kind und motiviere zu einem experimentierfreudigen Umgang damit.

 

Vielen Dank für das Gespräch.


- sh



Quellenangaben

Fotos: Andreas A. Reichelt



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