Wer durch Spiegelhütte fährt, sieht vielleicht zuerst das kleine Stephanus-Kirchlein, die Reste der alten Glashüttentradition und die verstreuten Häuser zwischen Wald und Wiesen. In Alexander Straßners „Bayerwaldblues“, das gerade neu in den Buchhandel gekommen ist, wird genau diese Landschaft zur Bühne — nicht als Postkartenidylle, sondern als lebendiger sozialer Kosmos.
Der Autor erinnert sich an eine Kindheit zwischen Pension, Wirtshaus und Dorfleben, in der sich das halbe Jahr nach dem Rhythmus der Gäste richtete und das andere nach Wetter, Holzarbeit und Stammtisch. Da sind die gemeinsamen Wanderungen hinauf zu den Schachten unter dem Falkenstein, bei denen im Rucksack neben Brotzeit immer auch ein Flachmann mit Bärwurz steckte, „für alle Fälle“ . Oder die Gewitter, bei denen man im Dorf genau wusste, wer gerade nach den Sicherungen schaut und wer lieber am Fenster steht und das Schauspiel beobachtet.
Besonders plastisch werden die kleinen Dorfgeschichten: der frisch gepflasterte Platz neben der Kirche, über den ein Bauer demonstrativ seine Kühe treiben lässt; Kinder, die im Winter meterhohe Schneehaufen als Abenteuerspielplatz nutzen; und die stille Gewissheit, dass jeder jeden kennt — samt Eigenheiten. Auch die alte Glashütte und das verstreute Häusergefüge tauchen nicht nur als Kulisse auf, sondern als Erinnerungsspeicher einer Region, die lange als „Hinterland“ galt.
Gleichzeitig blickt Straßner aus der Distanz seines späteren Berufslebens auf diese Welt zurück und fragt, was sie mit ihm gemacht hat. Der Weg vom Dorfkind zum Akademiker wird dabei nicht als Bruch erzählt, sondern als Fortsetzung einer Prägung: Wer im Wirtshaus aufwächst, lernt zuzuhören, zu vermitteln — und Menschen in all ihren Facetten auszuhalten.
So liest sich „Bayerwaldblues“ auch wie ein Wiedersehen für viele im Bayerischen Wald: die Mischung aus Grant, Humor und Zusammenhalt, das Wissen um harte Winter und lange Abende, und die leise Melancholie darüber, wie schnell sich selbst kleine Orte verändern.
Für Leserinnen und Leser aus der Region ist das Buch deshalb mehr als eine Biografie — es ist ein Stück kollektive Erinnerung an das Leben zwischen Arber, Falkenstein und den vielen kleinen Dörfern dazwischen. Für alle anderen ein Buch über ein Gefühl: Wie es ist, aus dem Bayerischen Wald zu kommen.
Alexander Straßner, Bayerwaldblues. Die Geschichte eines Gefühls. 280 S., 18 Euro.
