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10.05.2017
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'KRASS ! Hauptsache radikal'

Theaterprojekt am LLG sensibilisiert für die Gefährdung Jugendlicher durch Extremismus

 

An der syrisch-türkischen Grenze begegnen sich zwei verängstigte 17 Jahre junge Männer, Ahmed aus Frankfurt und Selim aus Syrien. Beide suchen das Paradies: Ahmed auf dem Weg in den Dschihad als Kämpfer für den Islamischen Staat, Selim auf der Flucht aus seinem heimatlichen Kriegsgebiet in ein sicheres Deutschland. „Du spinnst!“ rufen sie sich verständnislos zu, als sie in entgegengesetzten Richtungen die Grenze überwinden.

Die Grenze, das ist ein Turnkasten in der Mehrzweckhalle des Landgraf-Leuchtenberg-Gymnasiums; Ahmed und Selim werden von Schauspielern des Jungen Theaters Augsburg dargestellt, das auf Einladung der Schule auf dem Schwaimberg gastierte. Als Bühnenbild genügen ein Kasten, Weichbodenmatte und Basketballkorb.

„KRASS! Hauptsache radikal!“ ist ein mobiles Theaterstück als Teil eines theaterpädagogischen Gesamtprojekts, das Schüler, Lehrer und Eltern für aktuelle Gefährdungen Jugendlicher durch unterschiedliche extreme Weltanschauungen sensibilisieren soll. So gingen der Theateraufführung sowohl eine schulinterne Lehrerfortbildung als auch ein Elterninformationsabend voraus.

Dabei gab Bernd Kohlmann als Beauftragter für Demokratie und Toleranz von der Schulberatungsstelle Niederbayern einen sehr anschaulichen Einblick in extreme Tendenzen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Weiß die Eltern- und Lehrergeneration überhaupt, dass die rechte Szene nicht mehr nur dumpf grölend und vermummt in Springerstiefeln daherkommt? Kohlmann zeigte unter anderem am Beispiel der „Identitären Bewegung“, wie überzeugend die intelligent gemachten, jugendlich verpackten Videoclips im Internet auch auf Erwachsene wirken können. Erst auf den zweiten oder dritten Blick sind die vermeintlich historisch belegten Argumente als rechtes Gedankengut zu entlarven.

Auch die radikalen Islamisten (Salafisten) gewinnen ihre Anhänger zunächst nicht mit erhobenen Fäusten, sondern mit einfachen Antworten auf die Fragen aus der jugendlichen Lebenswelt. Junge Menschen finden im „Pop-Dschihad“ Anerkennung in einer Ersatzfamilie von Brüdern und Schwestern, mit einem alternativen, provozierenden Lebensstil, aber auch mit festen Normen und Regeln, die ihnen im bürgerlichen Leben oft fehlen.

Kohlmann riet daher den Eltern, aufmerksam zu sein gegenüber veränderten Verhaltensweisen und vor allem immer im Gespräch mit ihren Kindern zu bleiben und Interesse an ihren Themen zu zeigen. Auch die geschulten Lehrer sollen als Ansprechpartner für die Heranwachsenden zur Verfügung stehen und bei Bedarf weitere Kontakte knüpfen.

Höhepunkt des Projekts war schließlich die Aufführung des Theaterstücks vor den Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Klassen. Die jungen Akteure vom Augsburger Theater verknüpften in ihrer Inszenierung den Werdegang und das Schicksal von sechs real existierenden jungen Menschen, die durch ihre unterschiedlichen Lebensumstände in den Sog extremer Bewegungen gerieten.

Da ist zum Beispiel die hübsche Klassenbeste Klaudia, die sich von ihren gut situierten, gebildeten und sehr beschäftigten Eltern vernachlässigt fühlt und nie so werden will wie sie. Kai als Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters fühlt sich überall fremd, nur in seiner Fußballer-Clique ist er als „Killer-Kai“ anerkannt, wenn sie gemeinsam losziehen und anders Denkenden „das Maul stopfen“.  Marco hört von seinem alkoholkranken Vater und der im Asylbewerberheim putzenden Mutter ständig Klagen über die schmarotzenden Fremden und konstatiert: „Alle reden nur! Damit ist Schluss jetzt, denn WIR SIND DAS VOLK!“. Klaudia, Kai und Marco fühlen sich gemeinsam stark: „Gewalt ist das geilste, was es gibt!“

Ahmed aus Frankfurt erlebt als IS-Kämpfer in Syrien die Schrecken des Kriegs und flieht geläutert zurück nach Deutschland, wo er heute als Mitglied einer terroristischen Vereinigung seine Haftstrafe verbüßt.

Als in der Turnhalle krachend die Kastenteile zu Boden stürzten zuckten selbst die Zuschauer im „Bombenhagel“ zusammen. So blieb nach dem ausgiebigen Applaus für die beeindruckende Inszenierung und schauspielerische Leistung am Ende viel Betroffenheit über die Schicksale der Protagonisten, die auch aus unserer Mitte hätten kommen können. Besonders wichtig und wertvoll erwies sich daher die Aufarbeitung in den anschließenden Workshops. Den aus Augsburg angereisten, speziell geschulten Theaterpädagogen gelang es im kleinen Kreis der einzelnen Klassen, das Gesehene einfühlsam zu besprechen, zu diskutieren, Fragen zu beantworten.

So wurde das Projekt zu einem echten Gewinn für die beteiligten Mitglieder der Schulfamilie, ganz im Sinne der Ideen, für die das LLG als Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage eintritt. Ein besonderer Dank der Organisatorin Ellen Kronschnabl richtete sich an Xaver Herz als Vertreter des Fördervereins der Schule, der das Projekt finanziell unterstützte und damit auch seine ideelle Verbundenheit zeigte.

Übrigens: Selim überlebte den Krieg in seiner Heimat und die lange Flucht in ein sicheres freies Land. Nach drei Tagen in Deutschland begegneten ihm Klaudia, Kai und Marco. Das überlebte er nicht. – KRASS!

 


- DT

Landgraf-Leuchtenberg Gymnasium GrafenauGrafenau

Quellenangaben

LLG Grafenau, Kronschnabl



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